Politik : Afrikanische Union: Afrika träumt europäisch

Christoph Link

"Der Versuch der USA, Afrika in einen Teil nördlich der Sahara und einen Teil südlich der Sahara zu spalten, ist gescheitert." Mit diesem selbstbewussten Satz hat der libysche Revolutionsführer Muammar el Gaddafi die "Afrikanische Union" sozusagen offiziell ins Leben gerufen. Am Wochenende hat die neue Organisation mit 37 Mitgliedstaaten ihre Arbeit aufgenommen. Wie aus afrikanischen Quellen in der libyschen Hauptstadt Tripolis zu erfahren war, haben inzwischen zwei Drittel der Mitgliedsstaaten der Organisation Afrikanischer Einheit (OAO) die Grundprinzipien der Union anerkannt. Mit dem aktuellen Beitritt Ghanas könne der Vertrag nun in Kraft treten, hieß es.

Die Afrikanische Union soll vom Aufbau her der Europäischen Union ähneln. Gaddafi setzt seit einigen Jahren auf eine enge Kooperation mit anderen afrikanischen Staaten, um sein Land aus der Isolation zu führen. Seit vier Jahrzehnten versucht die "Organisation für Afrikanische Einheit" (OAU) mit Sitz in Addis Abeba in Äthiopien dem afrikanischen Kontinent eine Stimme zu geben - bisher mit mäßigem Erfolg. Wegen ihrer mageren Ergebnisse werden die Jahrestreffen der OAU gerne als präsidiale Modenschauen verspottet.

Gaddafis Satz kann nicht überdecken, dass natürlich ein Riss quer durch Afrika geht. Hier die Maghreb-Staaten wie Tunesien und Algerien mit ihrer hellhäutigen arabischen Bevölkerung, dort die Länder südlich der Sahara mit ihrer schwarzen Bevölkerung. Hier das bettelarme Benin, wo verzweifelte Bauern ihre Kinder als Plantagenarbeiter verkaufen, dort das entwickelte Südafrika, durch dessen Industrieschlote 50 Prozent aller Emissionen des Kontinents geblasen werden und wohin die reichen Weißen aus Kenia vor Weihnachten zum Einkaufen jetten.

Suche nach Anerkennung

Das soll nun unter einen Hut gebracht werden - in der "Afrikanischen Union". Ein Staatenbund für 600 Millionen Afrikaner entsteht. Die OAU soll innerhalb eines Jahres umgewandelt werden in die Unionsbehörde. Der Schwarze Kontinent will den gleichen Weg gehen wie Europa, sich eine zentrale Verwaltung zulegen, mit Afrikanischem Rat, Ministerrat, Gerichtshof und Parlament. Das wäre alles zu schön, würde der Einheitsstifter nicht in Libyen sitzen: Muammar Gaddafi, der sonst weder in Arabien noch im Mittelmeerraum Macht und Einfluss besitzt, sucht Anerkennung bei seinen armen Vettern und Basen.

Im März hatte er 40 Staatschefs Afrikas nach Syrte eingeladen, von den "Vereinigten Afrikanischen Staaten" fabuliert und die "Afrikanische Union" durchgesetzt. Gaddafi wirbt in seiner Heimat vor Investoren unermüdlich für Afrika, er schwärmt von dem Reichtum an Wasser und Bodenschätzen des Kontinents. Doch er hat im eigenen Land Probleme, für seine Afrikaliebe Verständnis zu gewinnen: Im September fand eines der größten rassistischen Massaker in Libyen statt. Der Mob prügelte mehr als 100 schwarzafrikanische Gastarbeiter tot. Motiv: Angst vor Überfremdung.

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