Politik : Agnes Hürland-Büning - Mutter der Kompanie

Hermann Rudolph

Agnes Hürland-Büning (73) war Parlamentarische Staatssekretärin im Verteidigungsministerium. Sie soll lukrative Beraterverträge in der Leuna-Angelegenheit bekommen haben.

Ihr letzter öffentlicher Auftritt liegt gerade drei Monate zurück, aber nichts daran ließ dabei an Vorwürfe denken, wie sie jetzt im Zusammenhang mit dem Verdacht von politischen Bestechungsversuchen gegen sie erhoben werden. Damals war Agnes Hürland-Büning eine der vier Politikerinnen, die zu Anfang der Arbeit des deutschen Bundestags im September im Reichstag über ihr politisches Leben berichteten. Die ungewöhnliche Veranstaltung, vor den Beginn des regulären Tagungsbetriebs des Bundestages gesetzt, sollte die Rolle der Parlamentarierinnen im Bundestag würdigten. Sie wurde zu einer denkwürdigen Lektion über die Vielfalt von Lebenslinien in der Politik. Das war nicht zuletzt der Rede der untersetzten 73-Jährigen zu danken, die bald zwanzig Jahre im Bundestag saß und schliesslich den für Frauen ungewöhnlichen Aufstieg auf die Hardthöhe, das Verteidigungsministerium, schaffte - als Parlamentarische Staatssekretärin. Nun wird behauptet, sie habe von dem Thyssen-Krupp-Konzern lukrative Beratungsverträge erhalten, weil sie Einfluss auf den Leuna-Verkauf genommen habe.

Was Frau Hürland-Büning im September in der ersten Arbeitsstunde des Bundestages vor den Zuhörern ausbreitete, war das klassische Exempel einer politischen Biographie, Marke: Frau, katholisch, CDU, erlebt zu Zeiten der frühen Jahrzehnte der Bundesrepublik. Dazu gehörte noch ein Schlag Krieg - Arbeitsdienst, Kriegsdienstverpflichtung in einer Munitionsfabrik. Dann Ausbildung als Fürsorgerin. Dann Heirat, vier Kinder, Rückkehr in den Beruf. Dann politisches Engagement in der CDU, Kommunalpolitik, Ratsmitglied, Mitglied im Landesvorstand. War jemand, damals in den 60er Jahren, auf die junge Frau aufmerksam geworden? Gab der Unternehmer den Anstoß, bei dem sie Chefassistentin war? Er gab ihr jedenfalls, wie sie erzählte - Mittelständler, irgendwo im Lippischen! - Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" zur Lektüre. 1972 kam sie in den Bundestag.

Eine klassische CDU-Frauen-Biographie blieb es auch dort. Natürlich wurde sie Mitglied im Ausschuss für Arbeit und Sozialordnung; dort beschäftigte sich Agnes Hürland-Büning vor allem mit der Situation der Behindertenarbeit. 1982, nach dem Regierungswechsel, als alle, die schon etwas waren, in der Regierung gebraucht wurden, wurde sie Parlamentarische Geschäftsführerin. Vermutet man falsch, dass sie diese Aufgabe ein wenig in der Art einer "Mutter der Kompanie" wahrnahm? Und dass der Aufstieg in das Verteidigungsressort, eine Legislaturperiode später, dem gleichen Rollen-Verständnis entsprach?

Nun also Beraterverträge, die Rede ist von Millionen-Beträgen, angeblich wegen Leuna. Der Ex-Kanzleramts-Abteilungsleiter Ludewig kann sich das nicht vorstellen. Beweise dafür gibt es nicht, dafür Kommentare. Einige fangen immerhin mit: Wenn das stimmt ... an, andere verzichten auch darauf.

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