Agrarfabriken : Schweineüberschuss in Deutschland

Die Exporte steigen, die Preise sinken - Bauern protestieren gegen Agrarfabriken: "Wir haben es satt".

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Berlin - China hat seinen Markt für deutsches Schweinefleisch geschlossen. Wenige Tage zuvor hatte schon Südkorea die Einfuhren gestoppt. Doch nach Einschätzung des grünen Bundestagsabgeordneten und Biobauern Friedrich Ostendorff dürfte die schlechteste Nachricht für die deutschen Schweinemäster eine Depesche aus Japan sein, in der das Land Auskunft über den deutschen Dioxinskandal verlangt. „Japan hat die umfassendsten Verbraucherschutzgesetze“, sagte Ostendorff dem Tagesspiegel. Und wenn Japan sich seinen beiden Nachbarn anschließe, „dann könnte Russland diesem Beispiel schnell folgen“. Das wäre dann wirklich bitter für die Mastkonzerne, denn Russland ist der größte Absatzmarkt für ihre Exporte. Deutschlands Exporte sind seit Jahren stetig gewachsen. Nach Angaben der Europäischen Kommission hat Deutschland im Jahr 2009 seine Exporte um 21 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 549 500 Tonnen gesteigert. Neuere Zahlen liegen noch nicht vor.

In Deutschland wird nach Angaben des Bauernverbands zehn, nach Einschätzung der Agraropposition rund 30 Prozent mehr Schweinefleisch produziert, als die Verbraucher kaufen und essen wollen. Deshalb reist Agrarstaatssekretär Gerd Müller auch rastlos durch die Welt, um den deutschen Mastbetrieben neue Märkte zu eröffnen. Im vergangenen Sommer war er stolz, dass China nun erstmals direkte Importe aus Deutschland erlaubt hat. Deshalb sind die Mäster nun enttäuscht, dass dieser Markt zumindest vorübergehend wieder weggebrochen ist.

Noch bevor klar war, dass auch in Schweinefleisch Dioxin nachgewiesen werden würde, ist der Preis mächtig eingebrochen. In der vergangenen Woche lag er noch bei 1,48 Euro pro Kilogramm, in dieser Woche sank er auf 1,35 Euro. Und „seit Dienstag gehen die Uhren ohnehin anders“, sagt Ostendorff. Der Versuch, den Schweinemarkt irgendwie aus dem Skandal herauszuhalten, sei misslungen.

Wie sensibel die Verbraucher auf den Skandal reagieren, hat Ostendorff am Mittwoch auf seinem Hof selbst erlebt. Noch bevor er seinen Hofladen am frühen Nachmittag geöffnet hat, waren alle Eier ausverkauft. Für Ostendorff ist das ein weiterer Beleg dafür, dass die Forderung des vor einem guten Jahr gegründeten Netzwerks „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ ziemlich genau den Nerv der Verbraucher trifft. Er berichtet vom „Krieg in den Dörfern“, über Stallanlagen, in denen bis zu 90 000 Schweine, 800 000 Legehennen oder 500 000 Masthähnchen gehalten werden sollen. Fast überall, wo eine solche Fabrik geplant wird, bildet sich sofort eine Bürgerinitiative. Und immer mehr Bauern fürchten sich vor der Konkurrenz durch die Agrarfabriken. Am 22. Januar soll in Berlin eine Großdemonstration stattfinden, die unter dem Motto „Wir haben es satt“ gegen die industrielle Landwirtschaft protestiert. Um die Mobilisierung dafür macht sich Ostendorff nun keine großen Sorgen mehr.

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