Politik : Agrarkrise in Europa: Gift aus den Scheiterhaufen

Matthias Thibaut

Regen hat am Dienstag die Rauchwolken gedämpft, aber die Empörung der Einwohner von Holsworthy hat das nicht gemildert. Bis zum Wochenende dürfte der Berg mit den 4000 Tierleichen qualmen, den die Helfer des Landwirtschaftsministeriums auf der Arscott Farm über dem Städtchen in West Devon errichtet haben. In Cumbria war vor einer Woche ein bereits errichteter Scheiterhaufen nach Protesten erst gar nicht angezündet worden. "Doch was sollen wir tun", fragt eine Sprecherin der ministeriellen Außenstelle in Exeter. "Wir haben in Devon 160 000 nicht entsorgte Tierleichen, die auf den Höfen verwesen. Die Schlachthofentsorger schaffen nur 4000 Tiere pro Woche." Man hofft, in ein bis zwei Wochen ein paar Meilen entfernt bei Petrockstow ein Riesengrab auszuheben - wenn nicht Proteste es verhindern. Dort hätten 400 000 Tiere Platz.

Tony Blair mag die Scheiterhaufen wegen der politischen Optik nicht, Umweltschützer warnen vor der Schadstoffbelastung. Von Dioxinen ist aber erst seit dem Wochenende die Rede. Die Tageszeitung "Independent" hatte von einer Studie eines Umwelt-Instituts Wind bekommen. Schlagzeile: "Die Scheiterhaufen verursachen mehr Luftverschmutzung als alle Fabriken". Bis zum 5. April hätten die Verbrennungen 63 Gramm hochgiftige Dioxine freigesetzt - gegenüber 88 Gramm pro Jahr aus den schmutzigsten Fabriken im Land. Die Umweltschutzorganisation "Friends of the Earth" sagt: "Wenn das stimmt, könnte Weideland auf Jahre hinaus verseucht worden sein".

Die Regierung spielt diese Befürchtungen herunter. Der Ausstoß sei nicht schlimmer als der von zwei Guy Fawks Feiertagen - wenn Briten im ganzen Land Freudenfeuer entzünden, behauptet Verteidigungsminister Hoon. "Eine Entsorgung ohne Risiken gibt es nicht", meint der vorsichtigere Umweltminister Meacher. Um das Risiko abschätzen zu können, soll nun gemessen werden - in Holsworthy jedoch erst seit Montag. "Die ersten 24 Stunden sind die schlimmsten", schimpft der Präsident der Handelskammer. "Das hätte von Anfang an gemessen werden müssen."

Die Dioxinwarnungen sind nur die jüngsten einer Reihe von Vorwürfen von Umweltschützern gegen die massenhafte Tötung von Nutztieren wegen der Maul- und Klauenseuche. Die Feuer setzen noch weitere Gifte frei. Und im ganzen Land werden großzügig eingesetzte Desinfektionsmittel in die Flüsse gespült. Immer wieder wurde über die Folgen der Verbrennung von womöglich BSE-infizierten Rindern spekuliert. Doch niemand weiß, wohin mit den gekeulten Tieren - mehr als 2,1 Millionen. Ein Parlamentsabgeordneter schlug in seiner Verzweiflung sogar vor, die Tierberge mit Napalm abzufackeln.

Die Regierung habe die Warnungen in den Wind geschlagen, klagt Friends of the Earth-Direktor Mike Childs. Kritiker der MKS-Strategie von Labour sagen, der ökologische und wirtschaftliche Schaden der Seuchenbekämpfung übersteige längst den der Seuche selbst. Inzwischen gibt es in Cumbria sogar einen MKS-Verdacht bei einem Schlachter, der an der Beseitigung von Tierkadavern beteiligt war. Die Seuche ist für den Menschen zwar ungefährlich. Der Fall könnte den Unmut noch verstärken. Trotzdem scheint das von Ökologen geforderte Impfprogramm inzwischen vom Tisch zu sein. Dazu bestehe keine Notwendigkeit mehr, sagt Landwirtschaftsminister Nick Brown angesichts der fallenden Infektionsrate. Der Bauernverband hatte das nach langem Zögern beschlossene Impfprogramm mit wirtschaftlichen Argumenten mehr als zwei Wochen lang verhindert.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben