Politik : Agrarwende: "Lieber halb so viel, aber doppelt so gut"

Herr Schweisfurth[alle reden von neuer Agrarpolit]

Karl Ludwig Schweisfurth (70) hat mit Würsten ein Vermögen verdient. Doch keines seiner Kinder wollte die Industrieproduktion übernehmen. Deshalb verkaufte Schweisfurth seine Firma, den europaweit erfolgreichen Fleischkonzern Herta, 1984 an Nestlé und wurde Öko-Bauer. die er zu einem der erfolgreichsten Fleischkonzerne Europas ausgebaut hatte, an den Nestlé-Konzern. Heute ist er Öko-Bauer.Seine Hermannsdorfer Landwerkstätten südlich von München gelten als vorbildlich. Zur Expo wurde ein zweites "Hermannsdorf" bei Hannover gegründet.



Herr Schweisfurth, alle reden von neuer Agrarpolitik, von einer möglichst flächendeckenden ökologischen Landwirtschaft. Ist das eine Illusion?

Das ist reine Illusion. Eine flächendeckende ökologische Landwirtschaft ist - zumindest auf absehbare Zeit - gar nicht möglich. Der Öko-Landbau arbeitet unter ganz bestimmten Bedingungen, die kann man nicht einfach wie einen Hut der gesamten Agrarwirtschaft überstülpen.

Wieso nicht?

Dieses agro-industrielle System ist eng vernetzt. Es sind ja nicht nur die Bauern. Da hängt eine ganze Industrie daran, die Düngemittel, Pflanzenschutzmittel, Futtermittel, Medikamente, Wachstumsförderer liefert. Das lässt sich nicht einfach auflösen. Da wird es Widerstände geben.

Trauen Sie der Bundesregierung nicht zu, den Widerstand zu brechen?

Doch. Wenn der Kanzler jetzt die Lebensmittelsicherheit zum Programm seiner Regierung macht, kann das nicht ohne Folgen bleiben. Das Wort "Weg mit den Tierfabriken" ist jetzt in der Welt.

Was sollte die rot-grüne Bundesregierung jetzt tun?

Sie sollte den Öko-Landbau wirklich fördern, damit er endlich aus seiner Nische herauskommt. Heute hat der Öko-Landbau einen Anteil von 2,5 Prozent. Bei entsprechender Förderung könnte dies in absehbarer Zeit auf zehn, vielleicht 20 Prozent gesteigert werden - das halte ich für realistisch. Doch dafür müssen auch die nachgelagerten Bereiche gefördert werden, die Be- und Verarbeitung, also Metzger, Bäcker, Käsereien und die Vermarktung. Es hilft wenig, die Bauern zum Umsteigen zu bewegen, wenn die nachgelagerten Bereiche fehlen. In ganz Deutschland gibt es heute nur ein Dutzend Bio-Metzger.

Wenn der Öko-Landbau aber höchstens einen Anteil von 20 Prozent erreichen kann, bleibt die Lebensmittelsicherheit ein Problem.

Wir werden nicht umhin können, Mindeststandards für die Tierhaltung festzulegen. Und diese Standards müssten auch europaweit durchgesetzt werden.

Kann sich Europa das leisten in einem zunehmend globalen Wettbewerb?

Wettbewerbsfähigkeit läuft nicht nur über den Preis. Sie hat auch viel mit Qualität zu tun. Europäische Lebensmittel könnten auch international einen ganz anderen Wert bekommen - nicht die billigsten, aber die besten.

Spielen die Verbraucher da mit?

Die Verbraucher lernen schnell - das zeigt sich jetzt in Deutschland. Der Lernprozess läuft in einer Geschwindigkeit ab, dass ich mir manchmal die Augen reibe.

Glauben Sie, dass das anhält?

Ja, die Verunsicherung geht sehr tief.

Nicht alle werden sich aber teure Lebensmittel leisten können und wollen.

Da wird stark übertrieben. Nirgendwo sind Lebensmittel so billig wie hier. Wir geben in Deutschland im Durchschnitt 14 Prozent unseres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel aus, für Nahrungsmittel tierischer Herkunft - Fleisch, Milch, Käse, Eier - sogar nur 4,5 Prozent. Worüber reden wir denn eigentlich? Selbst wenn diese Produkte um 30 Prozent teurer würden, schlägt sich das mit 1,5 Prozentpunkten bei den Ausgaben nieder. Für die meisten sind das doch Peanuts. Wir müssen auch nicht so viel Fleisch essen - lieber halb so viel, aber doppelt so gut.

Wie schnell kann denn in der Landwirtschaft umgesteuert werden?

Wenn die gesetzlichen Bedingungen geändert werden, reagiert die Wirtschaft schnell.

Dann werden Nahrungsmittel sicherer sein?

Wir werden nicht darum herumkommen, ganze Bataillone von Kontrolleuren einzusetzen. Das hat uns die Krise jetzt gelehrt - wir brauchen Kontrollen.

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