Politik : Aids auf dem Weg nach Osten

Allein in Odessa sind mehr Menschen infiziert als in ganz Deutschland – vor allem Drogenabhängige. Ärzte kennen oft nicht einmal Diagnosemöglichkeiten

Sven Lemkemeyer[Berlin],Elke Windisch[Moskau]

Die Aids-Epidemie aus dem Osten rollt. Rund 1,3 Millionen Menschen sind in Zentralasien und Osteuropa mit dem HI-Virus infiziert. 1995 waren es nach UN–Angaben in der Region, in der 60 Prozent der Weltbevölkerung leben, 160 000. Die Entwicklung wird auf der an diesem Sonntag im thailändischen Bangkok beginnenden 15. Internationalen Aids-Konferenz ein wichtiges Thema sein – ebenso wie bessere Vorbeugungsmöglichkeiten und die Problematik teurer Aids-Medikamente.

Auch wenn die meisten Aids-Patienten in Afrika südlich der Sahara leben: Die Lage gerade in Osteuropa wird immer dramatischer. Allein 2003 kamen nach Angaben von UNAIDS 360 000 Neuinfektionen hinzu. Betroffen sind vor allem Russland, die Ukraine und die baltischen Staaten. Und Zentralasien hat längst ein Aids-Problem.

Nach Angaben des Berliner Robert-Koch-Instituts sind über 75 Prozent aller HIV-Infizierten in Osteuropa jünger als 30 Jahre. In Russland tragen vor allem die rund drei Millionen Drogenabhängigen, die ungereinigte Nadeln benutzen, zur Verbreitung der Seuche bei. In dem flächenmäßig größten Land der Erde ist ein Prozent der Bevölkerung mit HIV infiziert. Für das Hoch-Risiko-Land Ukraine mit seinen rund 48 Millionen Einwohnern wird die Zahl der Infizierten auf mehr als ein Prozent geschätzt. „Wir gehen von rund 500 000 Patienten aus“, sagt Keikawus Arasteh, Leiter der Klinik für Innere Medizin-Infektiologie des Berliner Auguste-Viktoria-Klinikums, einem anerkannten Aids- Zentrum. Es sei zu befürchten, dass die Dunkelziffer weitaus höher liege. Seit zwei Jahren ist das Klinikum gemeinsam mit der Organisation „Connect plus“ in der Ukraine engagiert. Auch dort gilt der Drogenkonsum als wichtigste Infektionsursache. Allein in der Odessa am Schwarzen Meer, ein Knotenpunkt des internationalen Drogenhandels, „gibt es mit Sicherheit mehr Infizierte als die etwa 50 000 in Deutschland“, sagt Arasteh – bei etwa 1,1 Millionen Einwohnern. Seit dem Ende der Sowjetunion wird vor allem Opium aus Afghanistan über Zentralasien Richtung Westen geschmuggelt. Angesichts großer Armut ist der Drogenschmuggel für die Bevölkerung dort häufig die einzige Überlebensmöglichkeit. Allein in Tadschikistan, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, seien über 30 Prozent der Bevölkerung am Drogenhandel beteiligt. Ein Großteil werde selbst abhängig: Häufig zwingen die Opiumbosse kleine Dealer zum Drogenkonsum, um sie langfristig abhängig und gefügig zu machen. Andere verdrängen mit Hilfe von Drogen ihre Zukunftsängste.

Der Berliner Arzt Arasteh versucht gemeinsam mit Kollegen der Auguste-Viktoria-Klinik, Patienten und Ärzte in der Ukraine zu unterstützen. Im Mittelpunkt steht die so genannte antiretrovirale Therapie. Antiretrovirale Medikamente können Aids nicht heilen, senken aber die Zahl der HI-Viren im Körper und verlängern das Leben der Infizierten. „Zunächst geht es darum, den ukrainischen Kollegen zu vermitteln, dass gesicherte Diagnosen ohne einen riesigen Laboraufwand gestellt werden können“, so Arasteh. Zudem müssten Wege aufgezeigt werden, wie Drogenabhängige erfolgreich therapiert werden können. „Denn das alte Sowjet-Schema: ,Arzt befiehlt, Patient folgt’ funktioniert nicht“, sagt er.

In einem zweiten Schritt wollte er mit seinen Kollegen vor Ort assistieren. Doch dies gelang bislang nicht: Die zur Verfügung gestellten Medikamente kamen nicht an: „Sie liegen entweder beim Zoll, der offenbar von einem Clan im Land kontrolliert wird, oder sind längst anderswo. Es gibt jemanden, der uns zeigt: Unsere Hilfe ist nicht gewollt.“

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