Politik : Aids: China - nun doch ein Patient

Harald Maass

Nach Jahren der Tabuisierung scheint sich die Pekinger Führung nun dem Aids-Prob-lem zu stellen. Gesundheitsbeamte gaben erstmals zu, dass China von einer HIV-Epidemie bedroht ist. Statt wie früher das Thema zu vertuschen und Statistiken zu schönen, will die Regierung nun längst fällige Gesundheitsmaßnahmen ergreifen und den gefährlichen Bluthandel reformieren.

China stehe am Rande einer "ernsthaften Aids-Epidemie", warnte Vize-Gesundheitsminister Yin Dakui Ende August. Nachdem bislang nur von wenigen Tausend HIV-Fällen die Rede war, gab Peking nun erstmals 600 000 HIV-Fälle zu. Chinesische Zeitungen berichten, dass bis zum Jahr 2010 die Zahl der Aidskranken auf zehn Millionen steigen könnte.

Yins Aussagen und die zunehmend offene Berichterstattung in den chinesischen Staatsmedien deuten auf eine Kehrtwende in der Aids-Politik Pekings hin. Ausländische Experten warnen seit Jahren, dass China in einigen Jahren ein ähnliches Aids-Problem wie Afrika haben könnte. Die meisten Chinesen haben nur wenig oder überhaupt kein Wissen über die Gefahr und die Ausbreitung von Aids. Selbst viele Ärzte auf dem Land wissen nicht, wie der HIV-Virus übertragen wird. "Es besteht jetzt noch eine Möglichkeit, um eine komplette Epidemie zu verhindern", sagte die amerikanische Aids-Spezialistin Helene Gayle, die auf Einladung Pekings Aidskranke und Krankenhäuser in China besuchte.

Bis vor kurzem war Aids in China ein Tabu. Offiziell gab es im vergangenen Jahr nur 22 517 HIV-Träger. Die Staatsmedien durften nur selten über Aids-Fälle berichten. Engagierte Ärzte, wie die pensionierte Gynäkologin Gao Yaojie, wurden von den Behörden drangsaliert. Als Gao Anfang des Jahres einen Preis der Vereinten Nationen in Empfang nehmen wollte, verweigerte Peking der Ärztin den Reisepass.

Nun scheinen Pekings Führer umzudenken. Anfang August reiste mit Vize-Gesundheitsminister Yin erstmals ein hochrangiger Offizieller in das Aids-Gebiet der Provinz Henan. Die Menschen ganzer Landstriche haben sich dort seit Mitte der Neunziger Jahre durch Blutspenden mit HIV infiziert. In dem Dorf Wenlou tragen 65 Prozent der Bewohner das Virus in sich. Peking gesteht nun ein, dass mindestens 30 000 bis 50 000 Chinesen durch Blutspenden HIV-positiv geworden sind. Die Betroffenen in Henan, die bislang vom Staat völlig allein gelassen wurden, sollten nun von Peking Hilfe erhalten, kündigte Yin an.

Um die Ausbreitung der Seuche in den Griff zu bekommen, will Peking das Blutspendewesen reformieren. Für 950 Millionen Yuan (250 Millionen Mark) sollen Hunderte Blutspendestationen mit neuen Testgeräten ausgerüstet werden. Noch wichtiger ist jedoch die Aids-Aufklärung. Nur zehn Prozent aller Prostituierten verwenden Kondome. Mehr als die Hälfte aller Drogenabhängigen benutzen unreine Spritzen. Peking hat auch eine Stiftung, ausgestattet mit einer Milliarde Yuan (263 Millionen Mark), für den Kampf gegen Aids gegründet. Statt des Gesundheitsministeriums soll in Zukunft die Staatliche Kommission zur Familienplanung die Aidsaufklärung auf dem Land übernehmen. Die Kommission, die für die Einhaltung der Ein-Kind-Politik zuständig ist, verfügt über ein flächendeckendes Netz von Beratungsstationen und Hunderttausenden ausgebildete Sozialarbeiter.

"Aids ist eine der größten Herausforderungen für China und wir haben die Infrastruktur im Kampf gegen Aids", sagt Frau Zhao Baige, Direktorin für Internationale Angelegenheiten. Auf einer populären Internetseite hat in diesen Wochen ein Aidskranker unter dem Pseudonym Li Jiaming sein Tagebuch veröffentlicht. Li hatte sich nach eigenen Angaben bei einen Besuch im Bordell mit dem Virus angesteckt. Sein Tagebuch hat eine Diskussion ausgelöst. "Ich habe Angst", schreibt ein Internetsurfer. "Ich gehe nie wieder in Karaoke-Bars. Aids ist so schrecklich."

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