Politik : Aids kommt zurück – aus dem Osten

Eine Konferenz in Dublin warnt vor einer neuen HIV-Epidemie

Martin Alioth[Dublin]

Die Erklärung klang lapidar, der Inhalt ist todernst: „Wir wissen, was wir tun können“, sagte die frühere irische Präsidentin und UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, am Dienstag in Dublin. Sie sprach auf der Konferenz von 55 europäischen und benachbarten Staaten über den dramatischen Anstieg von HIV-Infektionen und Aids-Fällen in Osteuropa und Zentralasien. Im Einklang mit Vertretern von zahlreichen internationalen Organisationen forderte Robinson ein Ende der gesellschaftlichen Ausgrenzung gerade jener Gruppen, die in der Anfangsphase der Verbreitung am meisten von der Seuche gefährdet sind: Homosexuelle, Drogenabhängige, Prostituierte.

Die von der irischen Regierung – derzeit Ratspräsident der EU – veranstaltete zweitägige Konferenz hörte erschreckt zu, wie Redner um Redner ein Schreckensbild der HIV-/Aids-Epidemie im Baltikum, der Ukraine, Russland und den zentralasiatischen Staaten entlang der Opiumroute zeichnete. Im Zeitraum von weniger als acht Jahren sind die Infektionsfälle um das Fünfzigfache gestiegen. Einzelne Länder haben den Punkt erreicht, an dem sich Südafrika 1990 befand: 80 Prozent der Betroffenen sind jünger als 30 Jahre.

In einer Erklärung verpflichteten sich die Teilnehmer, die Epidemie und ihre Bekämpfung auf höchster politischer Ebene dauerhaft im Auge zu behalten, Präventions- und Behandlungsprogramme zu finanzieren und die Betroffenen zu beteiligen. Die Verfügbarkeit von sauberen Injektionsnadeln und Kondomen, die Diagnose und Behandlung von Geschlechtskrankheiten und Tuberkulose, und die vorurteilslose Information von gefährdeten Gruppen – Jugendliche und Einwanderer – wurden in den Forderungskatalog aufgenommen, teilweise mit Terminen und Zielwerten.

So soll die HIV-Übertragung im Mutterleib bis 2010 auf unter zwei Prozent aller Infektionen gesenkt werden. Allerdings sollen von den gegenwärtig anderthalb Millionen HIV-Trägern bis 2005 nur 100 000 Anti-Retroviren-Therapien (ARV) bekommen können, die den Ausbruch von Aids erfolgreich verhindern können. Zudem haben nach Meinung von Experten die ARV-Therapien in den westlichen Ländern die Fahrlässigkeit gesteigert, mit der Konsequenz, dass die HIV-Infektionsraten zunehmen. Und: Die wachsende Mobilität in Europa, die mit der EU-Erweiterung am 1. Mai weiter zunehmen wird, dürfte das Problem verschärfen.

Der irische Rockmusiker Bob Geldof, der sich bei der Bekämpfung von Hunger und Aids in Afrika einen Namen als unbequemer Mahner gemacht hat, sprach skeptisch über die Verbindlichkeit derartiger Konferenzziele und wies anklagend auf den Entwicklungsfonds der EU, in dem nach seinen Angaben 14 Milliarden Dollar aus bürokratischer Inkompetenz festgefroren seien.

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