Aktion des Wiesenthal-Zentrums : Hinweise auf mutmaßliche NS-Verbrecher

Das Wiesenthal-Zentrum fahndet mit Plakaten nach mutmaßlichen NS-Verbrechern und ist überrascht von der Resonanz. Vier Fälle wurden an die deutsche Justiz übergeben - darunter auch einer in Berlin.

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Efraim Zuroff, Direktor des Wiesenthal-Zentrums in Israel, vor dem Plakat der Kampagne. Auf dem Plakat steht: "Spät, aber nicht zu spät", im Hintergrund das Tor des Vernichtungslagers Auschwitz.
Efraim Zuroff, Direktor des Wiesenthal-Zentrums in Israel.Foto: AFP

Die Botschaft ist eindringlich, die Plakate, die das Tor des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz zeigen, waren im Sommer an vielen Bushaltestellen in Berlin zu sehen: „Spät, aber nicht zu spät“ sei es, NS-Verbrecher noch zur Verantwortung zu ziehen. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum ließ die Plakate auch in Hamburg und in Köln aufhängen und versprach für Hinweise, die zur juristischen Verfolgung eines Täters führen, eine Belohnung von bis zu 25000 Euro. Am Montag zog das Wiesenthal-Zentrum eine Zwischenbilanz und kündigte an, die Plakate in acht weiteren deutschen Städten zu zeigen.

Efraim Zuroff, Leiter des Israel-Büros des Wiesenthal-Zentrums und seit Jahrzehnten auf der Suche nach NS-Verbrechern, war überrascht von der Wirkung der Kampagne, die den Titel „Operation Last Chance“ trägt. „Sie hat offenbar einen Nerv getroffen“, sagte Zuroff dem Tagesspiegel. In Deutschland sei die Reaktion viel größer gewesen als in den meisten anderen Ländern, in denen es ähnliche Aufrufe gegeben hatte. Mehr als 200 Menschen meldeten sich unter der angegebenen Telefonnummer, hinzu kamen zahlreiche E-Mails. Am Ende hatte das Wiesenthal-Zentrum eine Liste mit 108 Verdächtigen, von denen 81 in Deutschland leben. Es kamen auch Hinweise auf Personen in vielen anderen Ländern – sogar ein in Sambia lebender Verdächtiger war dabei. Bisher hat das kleine Team des Wiesenthal-Zentrums etwa 70 Fälle geprüft und in Archiven nach Bestätigungen für die Hinweise gesucht. Dass mindestens einer der Verdächtigen in Berlin wohnt, bestätigte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, am Montag dem Tagesspiegel: „Es gibt Hinweise, die nach Berlin führen“, sagte er: „Und es gibt auch entsprechende Ermittlungen.“

„Vier Fälle konnten deutschen Strafverfolgungsbehörden übergeben werden“, berichtete Zuroff. Darunter sind zwei frühere Wachleute, die in Auschwitz beziehungsweise Dachau eingesetzt waren. Ein Dritter war offenbar nicht selbst an Verbrechen beteiligt, könnte aber ein Zeuge des Massakers im französischen Oradour sein. Der vierte Fall hat überhaupt nichts mit NS-Verbrechen zu tun: Der Anrufer berichtete von einem Neonazi in Nordrhein-Westfalen, der zu Hause ein Waffenlager habe. Warum der Hinweisgeber sich nicht an die Polizei wandte, ist unklar.

Den meisten Anrufern sei es nicht um die ausgeschriebene Belohnung gegangen, betonte Zuroff. „In Deutschland hat fast niemand nach dem Geld gefragt.“ Angesichts der großen Resonanz weitet das Wiesenthal-Zentrum die Kampagne aus. In München, Leipzig, Stuttgart, Dresden, Magdeburg, Rostock, Nürnberg und Frankfurt (Main) werden die Plakate in den kommenden Wochen zu sehen sein.

Sehr zurückhaltend reagieren deutsche Behörden auf die Aktion. „Das kann nicht schaden“, sagte der leitende Oberstaatsanwalt Kurt Schrimm, Chef der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen, dem Tagesspiegel. „Aber ich verspreche mir nichts davon.“

Bei der Zentralen Stelle in Ludwigsburg kommen am Donnerstag Staatsanwälte aus ganz Deutschland zusammen, denen Fälle ehemaliger Auschwitz-Wachleute übertragen wurden. Nach dem Urteil gegen John Demjanjuk, der Wachmann im Vernichtungslager Sobibor gewesen war, hatte die Zentrale Stelle gezielt nach Wachpersonal in Auschwitz gesucht und Vorermittlungen gegen 30 Personen abgeschlossen. Zuroff begrüßte diese Fortschritte und auch die Anklage der Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen einen Wachmann. „Es gibt aber noch viel mehr zu tun“, mahnte der Nazi-Jäger. „Auschwitz war nur eines von sechs Vernichtungslagern.“

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