Politik : Aktionen gegen Castor-Transporte: "Haut ab! Was wollt ihr hier?"

Reimar Paul

Kalt ist es im Wendland. Der Wind pfeift aus Nordost und die Temperaturen liegen um den Gefrierpunkt. Die Leute, die seit Stunden in Groß Gusborn auf dem Bürgersteig und auf der Straße stehen, haben Mützen aufgesetzt und dicke Schals umgebunden. Vor einem Scheunentor, das mit gelben, zu einem X gekreuzten Latten verziert ist, schenkt eine Bauersfrau heißen Tee aus. Seit Stunden warten Anwohner und Demonstranten, Polizisten und Journalisten auf die Ankunft der "Stunkparade". Um elf Uhr sind die ersten Traktoren am 15 Kilometer entfernten Endlagerbergwerk in Gorleben losgefahren. Jetzt ist es drei, und die Spitze des Konvois, der im Laufe des Tages auf rund 500 Fahrzeuge angewachsen ist, hat Groß Gusborn immer noch nicht erreicht.

Mit ihrem Umzug wollen die Landwirte der "Bäuerlichen Notgemeinschaft" gegen den für diese Woche erwarteten Castortransport demonstrieren. Die Trecker und Anhänger sind eigens mit Fahnen und Transparenten geschmückt worden. "Geht uns vom Acker, Strahlenkacker", steht da, "Wi wullt den Schiet nich hebben" oder "Trittin und Schröder - immer blöder".

Kurz bevor sich die Stunkparade am Morgen in Bewegung setzt, fahren die Grünen-Spitzenfrauen Claudia Roth und Kerstin Müller in einem Dienstwagen vor. Da kommt Bewegung in die Medienmeute und Demonstranten. "Verräter", schallt es den Politikerinnen entgegen, "Haut ab, was wollt ihr hier?". Sie will hier für den Atomausstieg und gegen ein Endlager in Gorleben demonstrieren, sagt Roth, und sie hofft, dass alles friedlich bleibt. Dann schwingt sich die Vorsitzende auf den Trecker von Manfred Ebeling, der Ökobauer ist und auch bei den Grünen, und ein paar hundert Meter darf Roth die schwere Zugmaschine sogar selber steuern. Das gibt prima Motive für die Fotografen und Kameraleute. Nach gut einer Stunde müssen Roth und Müller allerdings schon wieder weg, um wegen der Landtagswahlen rechtzeitig in Berlin zu sein. Aber am Dienstag, wenn die Atommüllbehälter im Wendland eintreffen sollen, dann will Claudia Roth wieder kommen.

Viele der auswärtigen Castorgegner, die am Sonnabend an der großen Demonstration in Lüneburg teilgenommen haben, sind gleich im Wendland geblieben. Eigentlich wollten sie in Camps entlang der Bahnstrecke Lüneburg - Dannenberg übernachten, doch die Polizei hat den Aufbau der meisten Zeltlager verboten.

Damit wollte sie verhindern, dass die Castorgegner die Bahngleise besetzen. Dass dieses Kalkül nicht unbedingt aufgeht, erweist sich am Sonntagmittag. Bei Nahrendorf stürmen rund 400 junge Leute den Bahndamm, lassen sich auf den Schienen nieder, einige wühlen im Schotterbett. Nach zwanzig Minuten ist die Polizei mit einem Großaufgebot vor Ort.

Zu Festnahmen kommt es hier zunächst nicht. Die Polizei glaubt aber, dass sich die Auseinandersetzungen in den kommenden Tagen verschärfen könnten. Die Aktionsgemeinschaft "x-tausendmal quer" will am heutigen Montag eine Schienenbesetzung versuchen. Auch die Umweltschützer von Greenpeace, munkeln manche, planen gegen die Castoren noch eine "dicke Sache".

Und was machen die Bauern? Um halb vier haben die ersten Traktoren endlich Groß Gusborn passiert. Fast zwanzig Kilometer sind es noch bis Seerau, wo eine Abschlusskundgebung der Stunkparade geplant ist. Auf dem Rückweg, so wird spekuliert, könnte einigen Treckern unvermutet das Benzin ausgehen. Dann stünden sie auf der Straße, möglicherweise sogar in unmittelbarer Nähe des Dannenberger Bahnhofs, wo die Castoren aus La Hague von Eisenbahnwaggons auf Lastwagen umgeladen werden sollen.

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