Al Qaida : Bin Laden setzt auf Spaltung der Muslime

Osama bin Laden schlägt wieder aggressive Töne an. Der Al-Qaida-Anführer ruft zum gewaltsamen Umsturz in Saudi-Arabien und Ägypten und zum Mord an gemäßigten arabischen Führern auf.

Anne-Beatrice Clasmann[dpa D]

Istanbul/Doha - In der arabischen Welt stehen derzeit die Zeichen auf Versöhnung. Staatschefs wie König Abdullah von Saudi-Arabien und Syriens Präsident Baschar al-Assad schütteln einander herzlich die Hände. In Kairo verhandeln Vertreter der rivalisierenden Palästinenser über eine Einheitsregierung. Selbst im Irak sprechen die religiösen Schiiten-Parteien neuerdings mit dem gemäßigten Flügel der Baath-Partei von Saddam Hussein. Just in diesem Moment taucht ein aggressiver Osama bin Laden aus dem Untergrund auf. Der Al-Qaida-Anführer bringt eine Botschaft in die Öffentlichkeit, die dazu angetan ist, die gerade erst halbwegs zugeschütteten Gräben zwischen Extremisten, Monarchen, Profiteuren und Islamisten wieder aufzureißen.

Er trennt nicht nur zwischen Muslimen auf der einen und „Ungläubigen“ auf der anderen Seite. Nein, diesmal will er auch die Spaltung zwischen den Muslimen und den (muslimischen) „Heuchlern“, welche im Koran auf eine Stufe mit den „Ungläubigen“ gestellt werden. Auf dem Tonband, das der Nachrichtensender Al Dschasira ausgestrahlt hat, hetzt bin Laden den palästinensischen Dschihad und die Hamas, die Fatah-Bewegung und das saudische Königshaus, die Syrer und die libanesische Führung gegeneinander auf. Er ruft zum gewaltsamen Umsturz in Saudi-Arabien und Ägypten und zum Mord an gemäßigten arabischen Führern auf.

Dabei stellt er einen Begriff infrage, der den Arabern schon seit Jahren fragwürdig erscheint, den Begriff des „moderaten arabischen Herrschers“. „Diejenigen, die von den USA moderat genannt werden“, sagt Bin Laden verächtlich. Er weiß wohl, dass er mit dieser Formulierung für Zündstoff sorgt. Denn westliche Regierungen meinen, wenn sie den Begriff benutzen, meist die Staats- und Regierungschefs von Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien und Kuwait, Tunesien und Libanon. Viele arabische Kommentatoren stellen die Bezeichnung jedoch infrage. Ist Ägypten wirklich moderat? Schließlich gibt es Belege für Folter in Polizeistationen und Schikanen gegen Oppositionelle. Und kann Saudi-Arabien als moderat gelten, wo es keine Parlamentswahlen gibt und wo Frauen von Religionspolizisten gezwungen werden, sich auf der Straße tief zu verschleiern?

Das neue Schlachtfeld soll nach dem Willen bin Ladens der Gazastreifen werden. Doch da könnten seine Anhänger auf Widerstand stoßen: Es ist fraglich, ob die Islamisten in Gaza fremde „Gotteskrieger“ mit offenen Armen empfangen würden.

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