Al Qaida in Pakistan : "Die alte Al Qaida-Spitze ist ausgelöscht"

In den pakistanischen Stammesgebieten ist Al Qaidas Nummer Zwei, Abu Jahja al-Libi, getötet worden. Was das für die Terrororganisation bedeutet und warum jetzt Al Qaida im Jemen immer mehr in den Vordergrund rückt, erläutert der Sicherheitsexperte Peter Neumann.

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Al Libi in einem Propaganda-Video.
Al Libi in einem Propaganda-Video.Foto: dpa

Was bedeutet der Tod von Abu Jahia al Libi für Al Qaida?

Al Libi war Al Qaidas charismatische Nummer Zwei und eines der profiliertesten Mitglieder der Organisation. Auch als Agitator war er effektiver als der Ägypter Aiman al Zawahiri, der Osama bin Laden an der Al-Qaida-Spitze nachgefolgt ist. Wahrscheinlich wäre al Libi auch für diesen Posten die bessere Wahl gewesen, er hätte der so genannten Kern-Al-Qaida in den pakistanischen Stammesgebieten wieder mehr Einfluss verschafft. Wäre er nicht so dunkelhäutig gewesen und die Al-Qaida-Mitglieder aus der Golfregion weniger rassistisch, wäre er es vermutlich auch geworden. Al Libi war zudem einer der wenigen, der von der Kern-Al-Qaida um Osama bin Laden überhaupt noch übrig geblieben war. In den Stammesgebieten lebt von der alten Führung jetzt nur noch al Zawahiri.

Warum hatte al Libi so eine Bedeutung?

Er hatte sowohl religiöse Autorität als auch Kampferfahrung, was in dieser Kombination sehr selten ist. Einerseits konnte er aufgrund seiner religiösen Bildung Gewalt in dschihadistischen Zirkeln entsprechend rechtfertigen, was ihm viel Respekt verschafft hat. Er hat sogar Fatwas - Rechtsurteile - herausgegeben, wie es eigentlich nur Geistliche können. Andererseits war er zwar kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan von diesen gefasst worden, konnte aber 2005 aus dem US-Militärgefängnis in Bagram fliehen. Er hat diesen spektakulären Ausbruch maßgeblich mitorganisiert, und das hat ihn zur Legende werden lassen. Er hatte die Amerikaner - zumindest im Kleinen - besiegt. Derzeit wüsste ich kein anderes Al-Qaida-Mitglied, das diesem Mythos nahe kommen würde.

Ist die Bedeutung von al Qaida jetzt weiter gesunken?

Von Al Qaida in den pakistanischen Stammesgebieten, also den Leuten, die zusammen mit bin Laden 2001 nach Pakistan geflohen sind, sind nur noch ganz wenige übrig. Von der reinen militärischen Effektivität her lässt sich nicht bestreiten, dass die Drohnenangriffe in den vergangenen 18 Monaten die gesamte Führung von Al Qaida in den Stammesgebieten eliminiert haben - nur sind eben die politischen Konsequenzen dieses Handelns eine ganz andere Frage. Allerdings sollte man nicht daraus schließen, dass Al Qaida insgesamt erledigt ist. Die Organisation hatte schon immer viele Satelliten. In den kommenden zwei, drei Jahren wird sich vermutlich die Filiale von Al Qaida im Jemen an die Spitze der Organisation setzen. Deren Mitglieder im Jemen waren schon immer sehr ehrgeizig und sind derzeit auch am erfolgreichsten.

Wie kann ich mir das vorstellen?

Sie werden dieses Ziel nicht offensiv verfolgen. Aber sobald sie mit einem Anschlag im Westen Erfolg haben, wird ihnen dies die Legitimität geben, sich zur neuen Führung von Al Qaida auszurufen.

Bisher ist Al Qaida im Jemen aber kein erfolgreicher Anschlag im Westen geglückt.

Al Qaida im Jemen ist erst in den vergangenen zwei Jahren sehr stark geworden, und zwar aus drei Gründen. Erstens sind sehr viele ,fähige` Leute aus Saudi Arabien in den Jemen gekommen, ganz viele davon auch ehemalige Guantanamo-Gefangene, die nach Saudi Arabien zurückgeschickt wurden und dann dort entkommen sind. Fast die gesamte Führungsspitze von Al Qaida im Jemen besteht aus ehemaligen Guantanamo-Häftlingen. Zweitens hat Al Qaida aus dem Chaos im Jemen Kraft geschöpft und sich dort sehr effektiv in den Bürgerkrieg eingemischt. Besonders in einigen Städten im Süden des Landes sind sie eng in die Stammesstrukturen eingebunden. Sie sind nicht mehr nur Terroristen, die Anschläge verüben, sondern sie sind eine Partei in diesem Bürgerkrieg. Drittens sind sie von den derzeitigen Al-Qaida-Filialen am entschlossensten, den Westen anzugreifen. Im Jemen wurden die - gescheiterten - Paketbombenattacken geplant, davor gab es den so genannten Unterwäschebomber, vor kurzem einen weiteren Versuch mit einer Unterwäschebombe. Auch wenn diese Anschläge alle nicht gelungen sind, waren sie doch sehr viel erfolgreicher als das, was Al Qaida sonst in den vergangenen zehn Jahren zustande gebracht hat. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie irgendwann erfolgreich sein werden. Damit wären sie dann auch die einzige Filiale von Al Qaida, die die eigentliche Mission der Organisation ausführt, nämlich den Westen anzugreifen.

Wie reagieren die Amerikaner?

Seit 2002 hatte es im Jemen eigentlich keine Drohnenschläge mehr gegeben, aber im vergangenen Jahr haben die Amerikaner damit wieder angefangen. So ist im Herbst im Jemen zum Beispiel das einflussreiche Al-Qaida-Mitglied Anwar al Awlaki durch eine Drohne getötet worden. Diese Drohneneinsätze werden die selben Probleme verursachen wie in Pakistan. Und da Al Qaida so gut in der Bevölkerung vernetzt ist, werden wohl auch Zivilisten bei den Drohnenschlägen sterben. Die Diskussion, die wir in Pakistan haben, werden wir auch im Jemen bekommen.

Peter Neumann ist Direktor des International Centre for the Study of Radicalisation in London. Mit ihm sprach Ruth Ciesinger.

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