Al-Qaida-Urteil : Was bedeutet das für das Terrornetzwerk in Deutschland?

Der Deutsch-Pakistaner Aleem N., der als eine der Schlüsselfiguren der Al Qaida in Deutschland gilt, ist zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Was bedeutet das für das Terrornetzwerk in Deutschland?

Barbara Junge
Terror
Verurteilt. Aleem N. muss für acht Jahre in Haft. -Foto: ddp

Über einen Zeitraum von acht Wochen verhörten sie ihn immer wieder. Irgendwo in Pakistan. Offenbar wurde Aleem N. vom pakistanischen Geheimdienst ISI im Jahr 2007 von einem Ort zum nächsten geschleppt. Sein Geständnis aus dieser Zeit füllt viele dicke Bände. Zwar stützt die deutsche Justiz darauf nicht ihre Verurteilung. Doch diese Aussagen, die mit großer Wahrscheinlichkeit auch unter Folter zustande gekommen sind, halfen der Bundesanwaltschaft entscheidend bei ihren Ermittlungen.

Aleem N. befand sich schon zuvor im Visier der deutschen Sicherheitsexperten. Spätestens seit er nach den Selbstmordattentaten vom 11. September 2001 kundgetan haben soll, es werde jetzt viele solcher Anschläge geben. Und nach seiner Überstellung von Pakistan nach Deutschland haben sich weitere Beweise und Indizien gegen ihn ergeben. Ob der Prozess gegen den Deutschen pakistanischer Herkunft allerdings ohne die Ermittlungsmethoden des ISI in gleicher Weise stattgefunden hätte, ist unklar. Denn Aleem N.s Bedeutung im Al-Qaida- Netzwerk war den deutschen Ermittlern zunächst nicht ausreichend bekannt.

Daran lässt sich ein großes Problem der deutschen Sicherheitsbehörden ablesen: Die Ermittler haben häufig viele Informationen über die hiesigen Islamisten. Aber diese Erkenntnisse reichen nicht immer aus, um die Mitläufer von den zentralen Figuren unterscheiden zu können.

Der Edelsteinhändler aus dem südpfälzischen Germersheim, der von sich selbst sagt, er sei kein Terrorist, wurde nun zu acht Jahren Haft verurteilt. Der mittlerweile 47-Jährige soll als Mitglied einer ausländischen terroristischen Vereinigung zwischen 2004 und 2008 das Terrornetzwerk Al Qaida unterstützt haben. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Aleem N. zu den führenden Mitgliedern von Al Qaida in Europa gehörte. Er soll Spendengelder für das Terrornetzwerk in Höhe von mindestens 78 000 Euro gesammelt und Ausrüstungsgegenstände, unter anderem Ferngläser, Funkgeräte und Nachtsichtgeräte, in das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet gebracht haben. Zudem soll er neue Kämpfer in die Ausbildungslager vermittelt haben.

Zu diesen Kämpfern, so die Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden, gehörte auch Bekkay Harrach. Anfang des Jahres erlangte Harrach in Deutschland eine gewisse Prominenz, als er in einem offenbar in der islamistischen Kampfzone am Hindukusch aufgenommenen Video Drohungen gegen Deutschland aussprach.

Es war das erste einer ganzen Reihe von Videos, in denen aus dem Lager von Al Qaida direkt Anschläge gegen Deutschland und Deutsche im Vorfeld der Bundestagswahl angekündigt wurden. In der Folge fanden die Geheimdienste aus Deutschland und den USA heraus, dass es offenbar eine Art Anweisung in der Al-Qaida-Zentrale gegeben hat, Deutschland in diesem Sommer ins Visier zu nehmen.

Seitdem ist die Sicherheitslage entsprechend angespannt. Erst in der vergangenen Woche trafen sich die Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden, um einen umfassenden Maßnahmenkatalog zu beschließen. Dabei geht es um die Überwachung der Islamistenszene und beispielsweise auch der Ein- und Ausreisebewegungen der sogenannten Gefährder.

Denn auch wenn einer wie Aleem N. nun verurteilt ist: Die Kämpfer, die er oder andere in die Ausbildungslager vermittelt haben, sind längst ausgebildet, und sie sind zum Teil auch schon wieder in Deutschland. Von etwa 60 Rückkehrern gehen die Behörden derzeit aus. Davon sitzen allerdings einige in deutschen Gefängnissen. Die islamistische Szene in Deutschland ist zu vielfältig, als dass sich mit der Verhaftung eines Einzelnen etwas Entscheidendes ändern würde. Dazu kommt, dass die verschiedenen Gruppierungen im Al-Qaida-Spektrum offenbar zunehmend kooperieren.

Insgesamt vier Nachwuchskämpfer hat Aleem N. nach Einschätzung der Ermittler bis 2007 mit Empfehlungsschreiben ausgestattet und zur Ausbildung in Terrorcamps geschickt. Über andere Vermittler zogen die derzeit ebenfalls vor Gericht stehenden mutmaßlichen Terroristen der Sauerland- Gruppe in die Ausbildungslager. Die Gruppe um Fritz Gelowicz, Daniel Schneider und Adem Yilmaz ging im Jahr 2006 bei der usbekischen Islamisten-Organisation IJU in die Lehre. Und mit Yilmaz hat sich einer von ihnen quasi als Reiseveranstalter betätigt: Er soll anderen bei der Reise in die Terrorlager geholfen haben.

Insgesamt gehen die deutschen Sicherheitsexperten von etwa 300 Gefährdern aus, darunter auch die rund 60 Rückkehrer. Allerdings könnte diese Zahl noch höher liegen. Denn die in letzter Zeit verstärkten Anschlagswarnungen verdeutlichen ein Problem der Sicherheitsbehörden: Der Aufruf zu Anschlägen gegen Deutschland und Deutsche ging nach Erkenntnissen der Geheimdienste an die nordafrikanische Filiale der Al Qaida. Doch Islamisten mit einem Bezug zu Nordafrika sind dem Raster der Fahnder bislang weitgehend entgangen. Anders als über die Rekrutierungszirkel der IJU und Gruppen in Süddeutschland, in der Pfalz oder im Großraum Bonn ist über die Verbindungen von Deutschland in den Maghreb noch erschreckend wenig bekannt.

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