Al Qaida : Von allen Seiten offensiv

Das Terrornetz wird engmaschiger und fächert sich gleichzeitig immer weiter auf. Wie Al Qaida sich weltweit dezentral neu organisiert.

Frank Jansen
Osama bin Laden Foto: AFP
Osama bin Laden. Der Al-Qaida-Führer soll sich seit 2001 irgendwo in Afghanistan verstecken. -Foto: AFP

Berlin - Es ist nur ein Detail einer Anklage, doch es zeugt von der Flexibilität und Vielfalt des islamistischen Terrornetzes. Der seit Mittwoch in Schleswig vor Gericht stehende Deutschmarokkaner Redouane E. H. soll nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft im August 2005 in einem Internet-Chatroom einen Treueeid auf den Al-Qaida-Chef Osama bin Laden geschworen haben – allerdings über einen bemerkenswerten Umweg: Redouane E. H. soll sich gegenüber dem Anführer der Taliban, Mullah Omar, zu Gehorsam und aktiver Hilfe verpflichtet haben. Mullah Omar ist nach Erkenntnissen deutscher Sicherheitskreise von bin Laden bevollmächtigt, Treueschwüre entgegenzunehmen. Als direkter Empfänger der Verpflichtung des Deutschmarokkaners im Chat soll ein „Emir“ des irakischen Zweigs von Al Qaida aufgetreten sein.

Diese Verflechtung interpretieren Sicherheitsexperten als weiteres Indiz für eine der dialektischen Tendenzen des Terrors: Taliban und Al Qaida wirken zumindest punktuell zusammen – und parallel verstärkt sich die Dezentralisierung des Terrors auf der ganzen Welt.

Das zunehmend offensive Auftreten von Taliban und Al Qaida gerade in den vergangenen Monaten, das in Deutschland angesichts der Entführung von Bundesbürgern in Afghanistan und im Irak besonders aufmerksam beobachtet wird, korrespondiert mit einer zunehmenden Unübersichtlichkeit der Szene.

„Al Qaida hat gelernt“, sagt ein Sicherheitsexperte. Das Terrornetz werde engmaschiger und fächere sich gleichzeitig immer weiter auf: „Es gibt Unterebenen und Unter-Unterebenen.“ Und wieder ist eine dialektische Entwicklung zu erkennen: Osama bin Laden und sein Stellvertreter Aiman al Sawahiri, seit Ende 2001 untergetaucht im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, haben nur noch eine eingeschränkte Funktion als Zentrale – gewinnen aber als Unterebene im Zusammenwirken mit den Taliban wieder deutlich an Bedeutung.

Das Versteck der Al-Qaida-Spitze sei inzwischen „im Kleinen das, was Afghanistan vor dem Einmarsch der Amerikaner gewesen ist“, sagt ein Experte. Die von paschtunischen Stämmen beherrschte Region sei ein „sicherer Hafen“ für Dschihadisten (Heilige Krieger), außerdem würden in Trainingscamps von Al Qaida und Taliban vermehrt Rekruten ausgebildet. Ein Indiz: Mit provozierendem Selbstbewusstsein verbreiteten die Taliban im Juni ein Video, in dem die „Verabschiedung“ von 300 Kämpfern aus einem Lager und die angebliche Einweisung von Selbstmordattentätern, auch mit Zielrichtung Deutschland, präsentiert wurden. Einige Sicherheitsexperten vermuten, dass die Al-Qaida-Spitze aus ihrem Refugium heraus konkrete Anschläge vorbereitet.

Die Attentate, die vor zwei Jahren London erschütterten, rechnet ein Experte direkt Al Qaida zu. Andere Fachleute widersprechen: Es gebe keine zentrale Steuerung des Terrors mehr, wie sie vor 2001 von bin Laden und Sawahiri in Afghanistan praktiziert wurde. Die Al-Qaida-Führung inspiriere „nur“ durch Video- und Tonbandbotschaften das globale Terrornetz. Operativ hingegen sei das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet eine der vielen Unterebenen – die allerdings stärker werde. Sie profitiere auch vom Austausch mit der irakischen Szene, vor allem beim Transfer von Know-how: Sprengsätze an Straßenrändern, beim Nahen einer Armeepatrouille per Handy gezündet, seien zum Beispiel eine „Spezialität“ irakischer Terroristen, die inzwischen auch in Afghanistan eingesetzt werde.

Das weltweite islamistische Terrornetz teilen Sicherheitsexperten in vier verschiedene Segmente ein: An erster Stelle kommt der von bin Laden und Sawahiri geprägte „geistige Überbau“. Dann folgen die autonom agierenden Al-Qaida-Filialen im Irak, in Saudi-Arabien und Nordafrika. Zu einer operativen Kontrolle der Terrorgruppen, die unter dem Signum „Al Qaida“ agieren, seien bin Laden und Sawahiri aber nicht in der Lage, sagen Sicherheitsexperten nahezu unisono.

Das dritte Element des Terrornetzes sind Gruppierungen wie Jemaah Islamiya in Indonesien und Abu Sayyaf auf den Philippinen. Diese Vereinigungen sind mit Al Qaida verbündet, verfolgen aber eine eigene Agenda. Andere Terrorgruppen wie Ansar as Sunna im Irak sind inzwischen sogar Rivalen von Al Qaida.

Das letzte – und für Deutschland potenziell gefährlichste – Segment sind die zahllosen ungebundenen Dschihadisten. Wie die zwei libanesischen Kofferbomber, die auf eigene Faust agierten – und vor einem Jahr beinahe zwei deutsche Züge in Feuerbälle verwandelt hätten.

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