Politik : „Al Qaida will den Kampf gegen Bagdad“

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Beim Selbstmordanschlag auf einen Wochenmarkt sind über 90 Iraker getötet worden. Was sind die Motive der Täter?

Es gibt offenbar zwei verschiedene Strategien. Zum einen soll eine Stimmung im Land geschaffen werden nach dem Motto, wenn die Amerikaner nicht hier wären, gäbe es diese schrecklichen Anschläge nicht. Diese Einstellung ist in der irakischen Bevölkerung inzwischen weit verbreitet. Zum Zweiten haben sich die letzten großen Anschläge – wie jetzt auch auf dem Wochenmarkt von Mussajib – stets gegen schiitische Muslime gerichtet. Die irakische Al Qaida will damit eine Art von Militärschlag gegen die schiitische Regierung in Bagdad führen.

Diese Selbstmordattentäter erhoffen sich einen himmlischen Lohn. Spielen bei den Untaten religiöse Motive eine Rolle?

Was den Tätern im Einzelnen versprochen wird, lässt sich schwer ergründen. Es gibt Täter aus armen Familien, denen die Al-Qaida-Drahtzieher zusagen, sich um deren Familien zu kümmern. Ihnen wird gesagt, du opferst dich jetzt, damit es deiner Familie nachher gut geht. In anderen Fällen werden Leute erpresst. Es ist schwer, zu unterscheiden, ob die Leute sich in die Luft sprengen wegen einer Heilserwartung, aus Verzweifelung oder weil sie unter hohen sozialen Druck gesetzt werden. Sicher ist, dass die einzelnen Täter von Al Qaida vollkommen instrumentalisiert sind.

Frühere Selbstmordattentäter waren von dem Motiv getrieben, die Erde von Falschgläubigen zu reinigen.

Dieses Motiv findet sich in den jüngsten Al-Qaida-Erklärungen kaum noch. Es scheint so zu sein, dass sich Al Qaida jetzt vollkommen militarisiert – also ihre „Soldaten des Islam“ in den Kampf gegen Bagdad schickt – wie sie schreibt. Das erschreckt mich sehr.

Warum?

Es entsteht offenbar eine längerfristige Strategie – nicht mehr Einzelanschläge, sondern koordinierte Aktionen gegen die Infrastruktur des Landes, die Institutionen und gegen die Legitimität der Regierung in Bagdad.

Das klingt sehr pessimistisch.

Man kann nur hoffen, dass dies ein Übergangsproblem ist. Aber es sieht nicht so aus. Ich befürchte, die Situation wird immer heilloser.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

REINHARD SCHULZE

ist Direktor des Instituts für Islamwissenschaft und Neue Orientalische Philologie an der Universität Bern.

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