Al Sisi in Berlin : Schuss vor den Bug für Millionen Ägypter

Abdel Fattah al Sisis Besuch in Berlin zeigt: Wirtschaftliche Interessen und Stabilität sind den Deutschen wichtiger als Moral. Ein Gastbeitrag.

Ilyas Saliba
Mächtig, mächtiger, al Sisi: Ägyptens Präsident regiert sein Land mit harter Hand.
Mächtig, mächtiger, al Sisi: Ägyptens Präsident regiert sein Land mit harter Hand.Foto: Alexander Zemlianichenko/dpa

Die Bundesregierung scheint nicht willens oder in der Lage, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Eine Außenpolitik, die Diktatoren wie Abdel Fattah al Sisi stützt, um Stabilität und Sicherheit auf Kosten von Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen zu erreichen, ist nicht nur normativ fragwürdig, sondern auch strategisch unklug. Die Stabilität autokratischer Regime in der arabischen Welt steht auf keinem stabilen Fundament. Nur eine inklusive Einbindung von Zivilgesellschaft und marginalisierten Gruppen (zum Beispiel Frauen, Jugend, Islamisten) im Rahmen eines Demokratisierungsprozesses können die sozioökonomischen und politischen Probleme und Spannungen langfristig lösen und damit für Stabilität sorgen.

"Sicherheit vor Menschenrechten"

Dass die Bindung des Besuchs von Abdel Fattah al Sisi an Parlamentswahlen von der Bundesregierung beinahe kommentarlos fallen gelassen wurde, demonstriert die Prioritäten der großen Koalition im Umgang mit der arabischen Welt. Die Lehre für die Diktatoren dort und anderswo lautet demnach, dass vereinbarte Voraussetzungen für eine diplomatische Annäherung nicht einmal das Papier wert sind, auf denen diese übermittelt werden. Das Diktum „Stabilität und Sicherheit vor Demokratie und Menschenrechten“, das die westliche Außenpolitik gegenüber der Region bis 2011 prägte, erlebt so ein phänomenales Comeback.

Beim Besuch des ägyptischen Präsidenten geht es nicht primär darum, den Dialog mit einer strategisch bedeutenden Regierung in der Region zu normalisieren. Dialog und funktionale Zusammenarbeit in bedeutenden Bereichen wie zum Beispiel zwischen Sicherheitsapparaten im Rahmen der Terrorbekämpfung und dem Kampf gegen ‚illegale’ Migration fand ebenso unter Sisis Vorgängern Mubarak und Mursi statt und ist auch ohne einen solchen Staatsbesuch möglich.

Obwohl der Umfang der staatlich orchestrierten politischen Tötungen und Verhaftungen in Ägypten ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht hat, wird dies nur eine Randnotiz des Staatsbesuches von Präsident Sisi sein, der heute in Berlin von Präsident Joachim Gauck mit militärischen Ehren in Empfang genommen wird. Ebenso wird das Ausreiseverbot für den Menschenrechtsaktivisten Mohammed Lotfy die politischen Gespräche vermutlich kaum beeinflussen. Einzig das aus der Reihe fallende politisches Signal von Parlamentspräsident Norbert Lammert sorgt für einen Gewissen moralischen Anstrich der deutschen Position.

Offensichtlich liegen die Prioritäten der großen Koalition anders. Der unterschriftsreife Siemens-Deal, der in Berlin unterzeichnet werden soll, scheint bedeutender für die Leitlinien deutscher Außenpolitik zu sein als die Menschenrechtsverbrechen der neuen Regierung in Kairo.

Schuss vor den Bug für die Ägypter

Stabilität in Partnerschaft mit Autokraten als außenpolitisches Paradigma basierend auf wirtschaftlichen Interessen von bedeutenden Deutschen scheinen der Merkel-Regierung wichtiger zu sein als ein politisches Zeichen gegen systematische Verfolgung und Despotie.

Letztlich ist dieser Staatsbesuch ein Schuss vor den Bug für die Millionen ÄgypterInnen, die 2011 für Freiheit, Würde und ein Ende von Korruption und Polizeiterror auf die Straße gegangen sind. Die Berliner Außenpolitik macht sich beim ägyptischen Volk mit einem roten Teppich für Sisi keine Freunde. Sobald die scheinbare Stabilität in Ägypten erste Risse bekommt, wird sich so mancher in Berlin noch fragen, warum aus den arabischen Aufständen von 2011 keine Lehren gezogen wurden.

 

Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und forscht zur Stabilität autokratischer Regime während der Arabischen Aufstände 2011. Momentan hält er sich für einen Forschungsaufenthalt in Kairo auf.

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