Politik : AL SISSI

Inzwischen gibt es Sissi-Schokolade, Sissi-Sandwichs, ja sogar Sissi-Juwelen. Auf Postkarten galoppiert der uniformierte Held mit Pharaonenfrau im Arm auf weißem Hengst über das Schlachtfeld, gerahmt von den Pyramiden. „Dies ist Ägypten, oh Amerikaner, ihr Zigeuner“, heißt es im Untertext. Väter geben Neugeborenen seinen Namen. Und die wendigen Plakatmaler Kairos inszenieren Armeechef Abdel Fattah al Sissi Kopf an Kopf mit einem düster dreinblickenden Löwen. Die Staatszeitung „Al Ahram“ huldigt ihm als Wunderwesen, das „die Federn einer Taube trägt und gleichzeitig die durchdringenden Augen eines Falken“.

Seit sechs Monaten steht der 59-jährige Oberkommandierende nun im Fokus eines beispiellosen nationalistischen Taumels, der ihn im kommenden Frühjahr mit stattlicher Mehrheit auf den Präsidententhron Ägyptens katapultieren könnte. Das Machtfeld dazu wurde bereits planiert – mit roher Gewalt, tausenden Verhaftungen und mehr als 1200 Toten. Fast die gesamte Führung der Muslimbruderschaft ließ der neue starke Mann hinter Gitter stecken. Dem am 3. Juli gestürzten islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi wird wegen Spionage und Beihilfe zum Mord der Prozess gemacht. Dagegen garantiert die von Militärchef Sissi handverlesene 50-köpfige Verfassungsversammlung in ihrem überarbeiteten Grundgesetz nicht nur weitreichende Privilegien für die Armee, sondern hält ihrem Oberkommandierenden auch demonstrativ für die Präsidentschaftswahl 2014 einen möglichst günstigen Wahltermin offen. So könnte der Arabische Frühling in Ägypten drei Jahre nach dem Sturz von Ex-Luftwaffenchef Hosni Mubarak erneut mit einem General an der Spitze des Staates enden.

Dabei hatte sich Abdel Fattah al Sissi bei seinem Putsch gegen Mohammed Mursi zunächst als Retter der Revolution von 2011 inszeniert. Mittlerweile jedoch schwant immer mehr Ägyptern, dass unter seiner Regie einzig die alten Mubarak-Eliten die Macht zurückerobert haben. Westliche Staatsmänner machen inzwischen einen Bogen um Kairo, einzig die neuen Verbündeten aus Saudi-Arabien und den Golfstaaten, die die Restauration am Nil mit kostenlosen Öllieferungen und zinslosen Krediten finanzieren, fliegen noch zu Verbrüderungsfotos ein. Sissi selbst ließ kürzlich in einer Rede keinen Zweifel daran, wohin die Reise in seiner Heimat geht. „Wenn Ihr Freiheit und Stabilität wollt“, wandte er sich an seine Landsleute, „dann müsst Ihr Vertrauen haben in Allah, Eure Armee und Eure Polizei“. Martin Gehlen

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