Politik : Alarm am Amazonas

Studie: Zerstörung des brasilianischen Urwaldes doppelt so schnell fortgeschritten wie bisher bekannt

Barbara Junge

Berlin - Der Schlamm im lehmbraunen Flussbett ist rissig und aufgesprungen. In diesem Seitenarm des Amazonas liegen tausende Piranhas verendet am Grund, gestrandete Boote dümpeln ziellos auf dem bis auf ein Rinnsal ausgetrockneten Fluss. Der bedeutendste Strom der Erde, das ganze Amazonasgebiet, leidet derzeit unter extremer Trockenheit. Der Wasserspiegel liegt nach Auskunft der Umweltschutzorganisation Greenpeace 13 Meter tiefer als sonst. Der Regen, auf den die ihrer Lebensgrundlage beraubten Einwohner Amazoniens sehnsüchtig warten, hat dieses Jahr später und schwächer eingesetzt. Bilder aus Brasilien wirken wie aus einer der Dürrezonen der Erde.

Und was am Boden in Form der Trockenheit längst zu spüren ist, belegen Satellitenbilder jetzt wissenschaftlich: Die Zerstörung des brasilianischen Regenwaldes und damit die Schädigung des Ökosystems Amazonien ist weit dramatischer fortgeschritten als angenommen.

Nach einer Studie, die das Fachblatt „Science“ am Freitag veröffentlicht, sind die bereits vernichteten oder geschädigten Urwaldflächen dort im Zeitraum von 1999 bis 2002 um 60 bis 128 Prozent größer gewesen als bisher bekannt. In „Science“ schreiben die Forscher, die Atmosphäre werde dadurch mit 25 Prozent mehr Treibhausgas Kohlendioxid belastet als befürchtet. Das Forscherteam um Gregory Asner aus Stanford (Kalifornien, USA) bezieht die Erkenntnisse aus der Analyse einzelner Pixel der Satellitenbilder. Durch sie sei es möglich, auch die Folgen des selektiven Holzeinschlags zu messen, bei dem nur ausgewählte Bäume aus dem Wald gefällt werden.

„Das Amazonasgebiet sieht auf Satellitenbildern aus wie eine Fischgräte“, beschreibt auch Greenpeace-Experte Oliver Salge Satellitenbilder der Region, die die Erschließung des Gebietes mit Straßen durch Holzfäller und andere zeigen. „Von einer großen Straße gehen kleinere ab, es verzweigt sich immer weiter.“ Nicht nur durch insbesondere den illegalen Holzschlag werde der Regenwald zerstört, sondern mehr und mehr auch durch den Anbau von Soja. „Um Soja anzubauen, werden riesige Flächen einfach niedergebrannt“, berichtet Salge. Seit fünf Jahren, nachdem durch die BSE-Krise Tierfutter vielfach von Tiermehl auf Soja umgestellt wurde, boome dieser Markt – „und damit auch die Brandrodung im Amazonasgebiet“. Das habe die Zerstörung des Urwaldes „massiv beschleunigt“.

Zwar hat die brasilianische Umweltministerin Marina Silva im vergangenen Jahr die Schutzgebiete ausgeweitet und zudem die Sicherung der Gebiete verbessert. Doch die Gouverneure der Provinzen halten sich nach Einschätzung von Greenpeace nicht an die Schutzgebiete, „besonders wenn unter ihnen selbst die größten Soja-Barone sind“. Deutschland ist Europas größter Soja-Importeur.

Salge warnt in diesem Zusammenhang auch vor Auswirkungen der Vogelgrippe auf Brasilien. Jetzt bereits einer der größten Geflügelexporteure, schickt sich Brasilien an, seine Exporte noch in relevanter Größenordnung zu steigern und dafür weitere Flächen für den Futtermittelanbau zu opfern.

Jährlich gehen etwa 15 Millionen Hektar Regenwald weltweit verloren. Davon waren es im Jahr 2004 2,7 Millionen Hektar in Brasilien. Mit dem Verlust des Waldes am Amazonas verringert sich auch die Verdunstung aus dem Amazonasbecken. Die Folge ist eine extreme Trockenheit am Amazonas und in der Region. Als Wasserspeicher der Erde und weltweit größtes zusammenhängendes Waldgebiet beeinflusst die Rodung am Amazonas aber auch die globale Erwärmung, auch wenn sich die Wissenschaftler über die Größenordnung streiten.

Als Gegenmaßnahme auf nationalem Level hat der bisherige Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) ein Urwaldschutzgesetz vorgelegt. Mit dem Gesetz sollen Besitz und Vermarktung von illegal in Urwäldern geschlagenem Holz in Deutschland verboten werden. Das Gesetz ist noch nicht beschlossen. (mit dpa)

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