Politik : Albtraum vom Menschen nach Maß

Malte Lehming

Es ist eine ungewöhnliche Koalition, an deren Spitze sich jetzt der amerikanische Präsident gestellt hat. Wann je hat George W. Bush das Anliegen von Feministinnen und Umweltschutzorganisationen verteidigt? Andererseits: Wann je haben sich diese Gruppen auf die Seite der katholischen Kirche geschlagen und gemeinsame Sache mit radikalen Abtreibungsgegnern gemacht? Wie schon beim Streit über die Nutzung embryonaler Stammzellen haben sich auch in der Diskussion über das Klonen seltsame Frontlinien aufgetan.

Demnächst beginnt im US-Senat die Debatte über das Thema. Bush plädiert für ein umfassendes Verbot. Nicht nur das reproduktive, sondern auch das therapeutische Klonen soll untersagt werden. Das reproduktive Klonen zielt auf Nachwuchs. Beim therapeutischen Klonen dagegen werden Embryonen hergestellt, um aus ihnen Stammzellen zu gewinnen, mit deren Hilfe schwere Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson bekämpft werden sollen. Eine Gruppe von 40 Nobelpreisträgern hat am Mittwoch in einem Brief an Bush eindringlich dafür plädiert, das therapeutische Klonen nicht zu verbieten.

Zum Thema Dokumentation: Die Debatte um die Gentechnik "Klonen von Menschen jeder Art ist falsch", sagte Bush dagegen am selben Tag im Weißen Haus vor Ärzten und Wissenschaftlern. Er warnte vor "Embryofarmen" und "maßgeschneiderten Menschen". Das Klonen müsse "gestoppt werden, bevor es beginnt". Seine 15-minütigen Ausführungen wurden zehn Mal von Applaus unterbrochen. Es war die zweite bio-moralische Grundsatzrede des Präsidenten. Im vergangenen August hatte er seinen Kompromiss im Stammzellenstreit verkündet.

Damals wie heute sind die Lager divers. Der Senat ist gespalten. Etwa 40 überwiegend konservative Senatoren favorisieren ein Total-Verbot, etwa 40 liberale Senatoren wollen das therapeutische Klonen zulassen. Der Rest ist unentschlossen.

Kein Wunder, dass der Druck auf die Parteien steigt. Anzeigen und Werbesendungen werden geschaltet, demnächst werden Demonstranten durch Washington ziehen. Allerdings wollen die Koalitionen nicht gemeinsam demonstrieren. Dazu sind sie zu vielfältig.

Aufmerksam wurde ebenfalls registriert, dass sich Anfang März die größte Organisation der orthodoxen Juden in den USA für das therapeutische Klonen ausgesprochen hat. Die reformierten und konservativen Bewegungen werden wohl folgen. Mormonen, Muslime und einige protestantische Denominationen haben die Stammzellen-Forschung unterstützt. Auch sie teilen nicht die rigorose Moralität, der zufolge eine wenige Tage alte befruchtete Eizelle, die in der Petrischale liegt, denselben unbedingten Schutzstatus genießt wie ein menschliches Wesen.

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