Alemannia Aachen : Fangruppe kapituliert vor rechten Ultras

Max Muth

Alemannia Aachen ist pleite. So pleite, dass der Verein sogar darüber nachdachte, seine Heimspiele künftig im 30 Kilometer entfernten Jülich auszutragen. Die Miete für das eigene Stadion ist zu hoch, Aachens Oberbürgermeister musste versprechen, den Traditionsverein nicht aus der Stadt zu werfen. Der Alemannia droht nicht nur der Bankrott – auch ihr Image ist angekratzt, seit sich die antirassistische Fangruppe „Aachen Ultras 99“ (ACU) aus dem „Tivoli“ genannten Stadion zurückgezogen hat. Weil sie sich nicht beschützt fühlte vor rechten Fangruppen.

Der Konflikt begann 2010, als ehemalige ACU-Mitglieder die Karlsbande-Ultras gründeten. Die Aachen Ultras waren ihnen zu fortschrittlich und politisch: Die ACU stellte sich offen gegen Rassismus, Diskriminierung und Neonazis. Aus ihrem Block schallten südländische Melodien und Samba-Rhythmen, ihre Lieder hatten vergleichsweise viel Text, sie setzten bunte Fahnen und aufwendige Choreografien ein. Derlei Schnickschnack ist bei vielen alteingesessenen Fans verpönt. Nicht nur den Hooligans missfielen die Paradiesvögel aus Block S6. Die Karlsbande dagegen setzte auf Tradition und Bodenständigkeit: höchstens ein paar Pauken und Schlachtrufe, Fußball und Bier. Außerdem hielten sie den Szenegedanken hoch, waren tolerant gegenüber Neonazis und Hooligans, „unpolitisch“ nannten sie das. Die Karlsbande versteht sich gut mit den Hooligangruppen „Westwall Aachen“ und den „Alemannia Supporters“, die wie die Karlsbande selbst Überschneidungen mit der rechten Szene im Aachener Land haben. Die ACU hat insgesamt etwa 100 Mitglieder und Sympathisanten, auf der anderen Seite stehen mindestens 300 teils gewaltbereite und rechtsoffene Fans.

Zweimal wurden die Aachen Ultras in ihrem Block attackiert. Mitglieder der Gruppe wurden laut eigener Aussage auf dem Weg zur Arbeit angegriffen und bedroht. 2011 hätten Karlsbande-Ultras die Haustür eines Aachen-Ultras eingetreten und ihn verletzt. Beim Auswärtsspiel in Saarbrücken gingen mehr als hundert Karlsbande- Anhänger vor den Augen der Polizei auf eine Gruppe von Aachen-Ultras los, prügelten sogar noch auf am Boden Liegende ein. Und an einer Raststätte auf der Rückreise vom Auswärtsspiel gegen den VfB Stuttgart II attackierten 50 Karlsbande-Anhänger ein Auto von ACU-Mitgliedern.

Die Vereinsleitung spielt in dem Konflikt eine unrühmliche Rolle. Von sich aus unternahm sie meistens nichts. „Der Verein hat sehr lange sehr zaghaft reagiert“, sagt Hendrik Puls von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Köln. Wenn er durch externen Druck nach Vorfällen wie in Saarbrücken dazu gezwungen wurde, versuchte er nur zu vermitteln und vermied es, sich zu positionieren. Der Fan-Kodex, den die Vereinsleitung ausarbeitete, wandte sich sehr abstrakt gegen „politischen Extremismus in jeglicher Form sowie Rassismus“. Ob Antirassismus bereits als linksradikal gilt, blieb offen. „Vertragt euch doch“ war die Devise. Entschiedenes Handeln gegen rechte Fans klingt anders.

Aachens Sportdirektor Uwe Scherr hat sich zudem mit dem Zitat verewigt: „Politik und

Religion haben in den Stadien keinen Zutritt.“

Diese Forderung wurde allerdings von der Realität längst überholt. „Es gibt keine Fanszene in NRW, in der die Neonazis so stark sind wie bei der Alemannia“, sagt Hendrik Puls von der Mobilen Beratung. Ob die Nazis allerdings offensiv im Stadion rekrutieren, da will sich Puls nicht festlegen: „Die Leute treffen sich eben im Stadion.“ Und zu anderen Gelegenheiten: Bei einer Weihnachtsfeier der Gruppe „Westwall Aachen“ trat die Neonazi-Band „Kategorie C“ auf. Im Publikum waren sowohl bekannte rechte Kader als auch Karlsbande-Vertreter. Am nächsten Tag im Stadion kam es zu einer Schlägerei zwischen einer Hooligan-Gruppe und den Aachen Ultras. Alles nur Zufall? Die Aachen Ultras sehen ihren Rückzug als vorläufige Maßnahme: Sollten sich Verein und andere Fangruppen klar gegen rechte Fans positionieren, wollen sie zurückkommen. Viel Hoffnung haben sie allerdings nicht.

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