Alexis Tsipras in Deutschland : Willkommen bei den „Merkelisten“

Der Athener Ministerpräsident Alexis Tsipras war zwei Tage in Deutschland. Griechische Medien werten den Besuch als "ersten Schritt". Soll wohl heißen: Der Weg ist noch weit.

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„Das Eis ist gebrochen“. Griechische Zeitungen zeigen sich erleichtert.
„Das Eis ist gebrochen“. Griechische Zeitungen zeigen sich erleichtert.Foto: dpa

Bis kurz vor Mitternacht saßen Angela Merkel und Alexis Tsipras am Montag im Kanzleramt beim Abendessen – und kamen sich offenbar näher. Eine Freundschaft ist es noch nicht, vielleicht aber die Anbahnung eines politischen „Lebenspartnerschafts-Abkommens“, wie eine regierungsnahe Athener Zeitung am Dienstag titelte. Einen Durchbruch im Schuldenstreit gab es trotz der vielstündigen Gespräche nicht, aber das hatte auch niemand erwartet. Der griechische Ministerpräsident Tsipras ist mit dem Besuch in Berlin einen Schritt weiter in der Realität angekommen. Ob die eigene Partei, das radikal-linke Bündnis Syriza, diesen Weg mitgeht, ist aber noch offen.

Als die Bundeskanzlerin im April 2014 nach Athen kam, organisierte Syriza noch Massenproteste gegen die deutsche Kanzlerin. Der damalige Oppositionsführer Tsipras sprach von ihr als der „gefährlichsten Politikerin Europas“. Jetzt lud er sie nach Griechenland ein. „Willkommen im Klub der Merkelisten“, spottet Adonis Georgiadis, Fraktionssprecher der oppositionellen Konservativen – eine Anspielung darauf, dass Tsipras die Vorgängerregierung als „Merkelisten“ beschimpfte, weil sie die Sparvorgaben aus Berlin widerspruchslos umsetze. Jetzt ist Tsipras um Entspannung bemüht: Die Beziehungen seien „sehr positiv“. Die Zeitung „Ethnos“ meldete erleichtert: „Das Eis ist gebrochen“. Die Kanzlerin habe dem griechischen Gast „den roten Teppich ausgerollt“, und Tsipras habe sich in Berlin als „Realpolitiker“ präsentiert, stellte das Massenblatt „Ta Nea“ fest.

Dass Tsipras in der gemeinsamen Pressekonferenz mit Merkel ausführlich auf das Thema Reparationen einging und auch die Schmiergeldpraktiken des Siemens-Konzerns erwähnte, waren wohl eher Pflichtübungen für das heimische Publikum. Tsipras weiß, dass sich die Wiedergutmachungsfrage aus Sicht der Bundesregierung „nicht stellt“, und im Fall Siemens müsste er eigentlich die griechische Justiz rügen, die das Verfahren jahrelang verschleppte.

Worauf es für Tsipras jetzt ankommt, ist etwas anderes: Bis zum Montag will er jene Reformliste vorlegen, die darüber entscheidet, ob Griechenland weitere, dringend benötigte Hilfsgelder erhält. Auf viele Fragen erwarten die EU und die Europäische Zentralbank überzeugende Antworten, bevor sie den Geldhahn wieder aufdrehen und Griechenland aus der Liquiditätsklemme helfen. Tsipras muss sich nicht nur zu diesen Reformen durchringen, die seinen Wahlversprechen teils diametral widersprechen. Er muss auch die eigene Partei mitnehmen auf dem Marsch in die Realität. Das könnte schwierig werden. Die Syriza-Parteizeitung „Avgi“ zog am Dienstag in ihrer Titelschlagzeile mit zwei Worten eine Bilanz des Berlin-Besuchs: „Erster Schritt“. Das sollte wohl heißen: Der Weg ist noch weit.

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