Politik : Alfredo Stroessner – Diktator mit deutschen Wurzeln

Sandra Weiss

Caracas - In seinem Exil in Brasilien ist am Mittwoch der paraguayische Ex-Diktator Alfredo Stroessner verstorben. Im Alter von 93 Jahren erlag der deutschstämmige Gewaltherrscher den Folgen einer Operation aufgrund eines Leistenbruchs, wie seine Familie bekanntgab. Stroessner hatte Paraguay 35 Jahre lang seinen Stempel aufgedrückt und in dem rückständigen Land eine der längsten Diktaturen des Kontinents etabliert.

Die Colorado-Partei, der er angehörte, herrscht noch immer. An dem Erbe des Diktators, gegen den in seiner Heimat ein Verfahren wegen Menschenrechtsverletzungen anhängig war, scheiden sich die Geister. Während die Mehrheit der Bevölkerung die Nachricht vom Tod des Tyrannen kalt ließ, eröffneten Opfer seiner Gewaltherrschaft in einem ehemaligen Folterzentrum am Mittwoch eine Gedenkstätte, und innerhalb der in viele Flügel aufgespaltenen Colorado-Partei entbrannte ein Streit um das Begräbnis. Er habe viel für das Land getan, das Volk liebe ihn, und rechtlich spreche nichts dagegen, dass er mit staatlichen Ehren in seiner Heimat bestattet werde, erklärte Senator Juan Manuel Boveda, während Außenministerin Leila Rachid dieses Ansinnen strikt ablehnte. Es handele sich nicht um einen regierenden Staatschef, sondern um einen Justizflüchtling.

Geboren wurde Stroessner am 3. November 1912 im südparaguayischen Encarnacion, als Sohn des bayerischen Einwanderers Hugo Wilhelm Stroessner und der Paraguayerin Heriberta Matiauda. Der blonde, großgewachsene Alfredo trat in den Militärdienst ein und tat sich im Chacokrieg gegen Bolivien (1932–1935) hervor. Der dreifache Vater galt als Frauenheld und Trinker, aber besonders interessierte ihn die Macht. Bald schon mischte er in der Politik kräftig mit, unterstützte diverse Militärputsche und wurde 1950 zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte ernannt. Aus dieser Position heraus putschte er sich 1954 an die Macht – und gab sie bis 1989 nicht ab. Unterstützt wurde er wegen seiner antikommunistischen Position auch von den USA, die ihm Gelder für seine Infrastrukturprojekte zur Verfügung stellten. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gewährte er zahlreichen Naziverbrechern Unterschlupf.

Mit den anderen rechten Militärdiktaturen in Chile, Argentinien, Brasilien und Uruguay tauschte Stroessner Informationen über linke Aktivisten aus, Regimegegner wurden verfolgt, vermeintliche Widersacher landeten im Gefängnis, alle weiteren Parteien wurden verboten. Menschenrechtlern zufolge starben und verschwanden während seiner Herrschaft rund tausend Personen, zwei Millionen gingen ins Exil.

Seine Flucht nach Brasilia, wo er zusammen mit seinem unter Betrugsverdacht stehenden Sohn Gustavo in einer luxuriösen Villa residierte, ebnete den Weg für freie Wahlen. Doch Instabilität, Korruption und Vetternwirtschaft prägen die Politik, und auch wirtschaftlich ist dem Land der Sprung vom unterentwickelten Agrarstaat zum Schwellenland noch nicht gelungen.

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