Politik : Algerien: Rebellion der Hoffnungslosen

Ralph Schulze

Ausgebrannte Autos, geplünderte Geschäfte, zerstörte öffentliche Gebäude, umgestürzte Straßenlampen - das Zentrum Algiers gleicht nach der wohl größten Demonstration seit der algerischen Unabhängigkeit 1962 einem Schlachtfeld. Gut 500 Verletzte und wenigstens drei Tote sind die blutige Bilanz der jüngsten Unruhen in der algerischen Hauptstadt gegen das Regime von Staatspräsident Abdelaziz Bouteflika. Der Aufstand der Berber, der vor acht Wochen in der östlichen Kabylei-Region begann, weitete sich wie ein Flächenbrand über das ganze Land aus. Ein seit Jahrzehnten unterdrücktes Volk rebelliert gegen seine Herrscher, die den Menschen Freiheit, Demokratie und Perspektiven vorenthalten.

"Revolte oder Revolution?", fragt die Zeitung "Liberté", die selbst noch keine Antwort darauf hat, wo die unruhige politische Reise des nordafrikanischen Bürgerkriegslandes enden könnte. Seit zwei Monaten, als nach dem gewaltsamen Tod eines Jugendlichen auf einer Polizeiwache der Berberaufstand begann, vergeht kein Tag in Algerien ohne Manifestationen, die meist in blutigen Straßenschlachten zwischen Demonstrantenheeren und Polizeiarmeen enden.

"Wenn ihr Krieg wollt, könnt ihr ihn haben", brüllen die Demonstranten den schwer bewaffneten Polizisten entgegen, die den Menschenmassen in Algier den Weg zum Präsidentenpalast versperren. Als Demonstrantenkolonnen beginnen, die Innenstadt in Trümmer zu legen, schießen Polizisten mit scharfer Munition. Schätzungen zufolge wurden während der seit Ende April laufenden Proteste rund 100 Menschen getötet und weit über 2000 verletzt.

Die Forderungen der Menschen sind überall gleich: "Keine Unterdrückung", "Wir wollen Demokratie und Freiheit", "Schluss mit der Erniedrigung", "Mörder-Macht", "Bouteflika-Diktator". Hinzu gesellen sich die Rufe der Berber, die eine Anerkennung ihrer Sprache und Kultur fordern. Fast ausschließlich ist es die junge Generation, die sich gegen das verkrustete Militär-Regime erhebt. Denn sie trifft die Misere am stärksten. Zehn Jahre Bürgerkrieg mit den Islamisten, mehr Armut und Arbeitslosigkeit haben der jungen Generation des Landes jegliche Hoffnung geraubt.

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