Politik : Alkoholkonsum: Bundesregierung will Einschränkungen bei der Werbung erreichen

Carsten Germis

In allen europäischen Staaten ist Alkoholkonsum bei vielen Jugendlichen ein selbstverständlicher und wichtiger Teil des Lebens. "Für viele zu wichtig, zu oft und vor allem zu früh", meint das Bundesgesundheitsministerium. Die Parlamentarische Staatssekretärin Christa Nickels (Bündnis 90/Die Grünen) möchte daher Kinder und Jugendliche in der Bundesrepublik stärker vor Alkoholwerbung schützen. Noch in diesem Monat wird das Ministerium deswegen "Verhandlungen mit der Alkohol- und Werbeindustrie aufnehmen, um das Anliegen eines verbesserten Jugendschutzes zu verdeutlichen", sagte Christa Nickels am Mittwoch zum Auftakt einer Tagung der Weltgesundheitsorganisation zum europäischen Aktionsplan Alkohol in Bonn. Die rot-grüne Regierung will die Alkoholwerbung jedoch nicht gesetzlich beschränken. Sie setze "ausdrücklich auf Verhandlungen und Freiwilligkeit", erklärte die Staatssekretärin.

Die deutsche Alkohol- und Werbewirtschaft hat bereits 1976 freiwillige Verhaltensregeln zur Werbung für alkoholische Getränke entwickelt. Diese Regelungen bestehen seit dieser Zeit fast unverändert. "Ich denke, dass es nach mehr als 20 Jahren, in denen gerade der Erkenntnisstand über die Gesundheitsrisiken durch Alkohol enorm gewachsen ist, Zeit ist, diese Verhaltensregeln neueren Erkenntnissen anzupassen", forderte Nickels. Sie rief dazu auf, in der Gesellschaft ein Bewusstsein zu schaffen, "dass Alkoholkonsum nicht als Synonym gilt für Unbeschwertheit und Kontaktfreude, und dass Abstinenz nicht gleichzusetzen ist mit Spießertum und Askese". Nickels erinnerte daran, dass Deutschland zu den Ländern mit hohem Alkoholkonsum gehört. 1998 haben die Deutschen im Durchschnitt 10,6 Liter reinen Alkohol getrunken. Die Staatssekretärin berichtete aber auch, dass der Konsum von Alkohol in den letzten Jahrzehnten rückläufig sei, "und dieser Trend ist auch beim Trinkverhalten junger Menschen festzustellen." Dennoch zeigten wissenschaftliche Studien, dass bereits 40 Prozent der Zwölf- bis 15-Jährigen Alkohol getrunken hätten - in Großstädten sogar noch wesentlich mehr. Rund 1,8 bis zwei Millionen Kinder im Alter von bis zu 18 Jahren lebten in Deutschland in Familien, in denen ein Elternteil oder beide alkoholabhängig sind. Diesen Kindern soll sich eine Konferenz der Gesundheitsminister im Februar 2001, die mit dem Bonner Treffen vorbereitet wird, besonders widmen.

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