Politik : Allahs glückliche Töchter

Neue Studie: Junge Migrantinnen leben gern hier

Jost Müller-Neuhof

Berlin - Die „Töchter Allahs“ – verschleiert, unterdrückt und zwangsverheiratet. Dies ist das Bild, das man sich in der Öffentlichkeit vielfach von jungen muslimischen Frauen macht. Folgt man einer am Dienstag vorgestellten Studie des Bundesfamilienministeriums, handelt es sich um Einzelfälle. Das Ministerium untersuchte die Lebensbedingungen junger Migrantinnen zwischen 15 und 21 Jahren unter anderem aus der Türkei, Griechenland und Italien, aber auch von Aussiedlerkindern. Es ist die erste Studie dieser Art. Ihr Ergebnis: Die jungen Frauen sind sowohl mit ihrer Familie als auch mit ihrem sonstigen sozialen Umfeld zufriedener als angenommen. Sie legen Wert auf Tradition, wollen die Sprache ihrer Eltern pflegen und an ihre Kinder weitergeben, halten aber auch gutes Deutsch für zwingend. Sie wachsen weniger in ihren ethnischen Milieus heran als vielmehr in Zuwanderermilieus, die von unterschiedlichen Ethnien geprägt sind.

Ihre Zukunft planen sie in Deutschland, von Rückkehr wollen sie nichts wissen. Gerade viele Türkinnen möchten gerne heiraten und ein Familie gründen, aber nur knapp die Hälfte kann sich vorstellen, einen Türken als Partner zu wählen. Und Gleichberechtigung ist wichtig. Über 80 Prozent der Frauen sind der Auffassung, beide, Männer und Frauen, sollten zum Haushaltseinkommen beitragen.

Religion ist bedeutsam, vor allem für Musliminnen. Über die Hälfte bezeichnet sich als stark oder sehr stark religiös, für sie ist vor allem das Selbstvertrauen wichtig, das der Glaube ihnen gibt. Nur zwölf Prozent der Musliminnen türkischer Herkunft tragen ein Kopftuch. Sie sind überwiegend stark religiös und fühlen sich durch den Islam – anders als viele Frauen ohne Kopftuch – nicht diskriminiert.

Die Studie unterstreicht auch , dass die meisten jungen Frauen trotz allem schlechte Startchancen in den Beruf haben. „Viele Probleme sind Unterschichtsprobleme“, sagte die Ausländerbeauftragte Marieluise Beck bei der Vorstellung der Untersuchung. Denn tatsächlich legten die Migrantinnen gesteigerten Wert auf Bildung, kommen aber selbst aus bildungsfernen Familien. Ihr Interesse und ihr Potenzial würde nicht genutzt. „Unser Schulwesen gibt den Frauen nicht die Chancen, die sie sich wünschen“, sagte Beck. Sie verlangt deshalb bereits die „frühkindliche Förderung“ von Migrantenkindern und den Ausbau von Ganztagsschulen.

Die Migrationsforscherin Ursula Boos-Nünning, die die Studie betreute, beklagte, die falschen Frauen stünden im Mittelpunkt der Medien. Es gebe durchaus auch Migrantinnen die sich unterdrückt fühlten. Sie seien jedoch nicht in der Mehrheit. Die Ausländerbeauftragte Beck kritisierte, in Teilen liefe die deutsche Debatte darauf hinaus, sich „gesund zu stoßen nach dem Motto: Die sind schlechter als wir“. Sie räumte jedoch ein, die sozialen Probleme angesichts der massenhaften Aufnahme von Menschen aus bildungsfernen Schichten seien unterschätzt worden.

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