Politik : Alle lieben Angela Merkel - bis sie ist, was sie werden soll (Glosse)

Stephan-Andreas Casdorff

Angie, find ich gut - eine Stimmung breitet sich aus. Auch bei Sozialdemokraten, Liberalen, Grünen. Und so klettern die Sympathiewerte von Angela Merkel, der von der Basis designierten CDU-Bundesvorsitzenden. Sie steigen nach Umfragen in höchste Höhen. Merkel lässt den Kanzler und SPD-Chef hinter sich, auch den Außenminister und virtuellen Grünen-Vorsitzenden, vom FDP-Bundesvorsitzenden gar nicht weiter zu reden. Ja, die Stimmung ist für Merkel gut, sie wird auch ein wenig besser für die CDU - aber wer wählt sie, die Partei?

Das Publikum mag Merkel, weil sie noch nicht ist, was sie werden soll. Die CDU hat sich noch lange nicht von den Schockwellen der Spendenaffäre erholt. Ist Merkel erst einmal Chefin dieser Partei, wird ihr geschehen, was auch Wolfgang Schäuble erlebt hat: Man ist kein Darling der Medien mehr. Nach ihrer Wahl muss und, vor allem, wird Merkel die CDU repräsentieren. Sie wird dann, von Amts wegen, für das haftbar gemacht, was die Mehrheit in der Partei will.

Die Mehrheit: Das sind in der CDU immer noch die Schwarzen. Hat nicht Merkel auch gerade die Aussagen von Jürgen Rüttgers unterstützt, besser Kinder als Inder an den Computer zu lassen? Noch mehr davon, und sehr schnell wird sich das öffentliche Urteil neu formen. Wie bei Schäuble. Für den galt, dass seine Liberalität im Umgang nicht mit seinen politischen Auffassungen verwechselt werden durfte. Merkels Liberalität - nur ein Wunsch, ein Mythos? Wenn das so wäre, dann verfielen die Sympathiewerte auch schnell wieder.

Noch ist der Neuigkeitswert enorm hoch: eine Frau an der CDU-Spitze! Dazu eine aus dem Osten! Ausgerechnet in der Partei der Paschas! Hat sie nicht außerdem - in der FAZ - einen parteiöffentlichen Protestbrief gegen den Altkanzler verfasst? Hat Merkel in der Folgezeit nicht auch alles getan, den hinterlassenen Unrat wegzuräumen? Ja, sie hat die Stimmung getroffen. Merkel hat bis hierher ausreichend depressiv gewirkt, zwischendurch politisch progressiv. Die Wahrheit über Macht und Sympathie aber kommt bei Wahlen.

Wenig kann Merkel aus Helmut Kohls Weltsicht tradieren, doch das sollte sie als gemeinsames Motto für sich und die Partei formulieren: Siege in Umfragen sind Wirklichkeit nur für einen Moment.

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