Politik : Alle Mann gegen Madame Ex-Premier Jospin greift

Kandidatin Royal an

Hans-Hagen Bremer

Paris - Will er, will er nicht ? Viereinhalb Jahre lang hat sich das politische Frankreich die Frage gestellt, ob der ehemalige sozialistische Premier und gescheiterte Präsidentschaftskandidat Lionel Jospin an eine Rückkehr in die Politik denkt. Jetzt gibt es eine Antwort. Bei einem Treffen der sozialistischen Jugend in La Rochelle schloss es Jospin am Wochenende nicht aus, für seine Partei ein weiteres Mal zur Präsidentenwahl anzutreten und sich damit als Alternative zu empfehlen im Kampf zwischen Ségolène Royal, der laut Umfragen aussichtsreichsten Bewerberin um die Kandidatur der Sozialisten, und den mit ihr rivalisierenden früheren Ministern Dominique Strauss-Kahn, Laurent Fabius und Jack Lang.

Es war der erste öffentliche Auftritt Jospins seit dem 21. April 2002. Enttäuscht hatte er sich damals ganz aus dem politischen Leben zurückgezogen, nachdem er bei der damaligen Präsidentschaftswahl weniger Stimmen als der Rechtsextremist Jean-Marie Le Pen erhalten hatte und damit aus dem Rennen gegen den Amtsinhaber Jacques Chirac ausgeschieden war. Sein Rückzug sei „keine List“ gewesen, sagte er. Seine Niederlage habe er als einen „gewaltigen Schock“ erlebt, den er „traurig“ auf sich genommen habe, um die Chancen der Sozialisten bei der anschließenden Parlamentswahl nicht zu beeinträchtigen. Doch ich habe Euch niemals verlassen“, bekannte er unter Tränen. Auf Fragen von Delegierten räumte er Fehler ein, verteidigte aber die Bilanz seiner fünfjährigen Amtszeit und ging dann, ohne ihren Namen zu nennen, zum Angriff über auf Ségolène Royal, die sozialistische Präsidentin der Region Poitou-Charentes und aussichtsreichste Anwärterin auf die Präsidentschaftskandidatur der Sozialisten. „Die Form macht keinen Inhalt“, sagte er. „Was wir brauchen, sind Ideen, Überzeugungen und klare Aussagen.“ Ob er selbst kandidieren wolle, sagte er in seiner Rede nicht. Später jedoch erklärte er in kleinem Kreis, wie sehr ihm die Lage der Partei Sorgen bereite und dass er sich frage, ob er wieder antreten solle. Doch er wolle „kein Gegenkandidat“ sein. „Ich will, dass man mich eventuell holt.“

Die Zahl der Anwärter auf die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Sozialisten im November hat sich damit auf fünf erhöht. Nimmt man die Wortmeldung des Ersten Sekretärs der Partei, Francois Hollande, hinzu, sind es sogar sechs. Sein Interesse gilt jedoch nur für den Fall, dass Ségolène Royal, seine Lebensgefährtin, aus irgendeinem Grunde aufgeben sollte, wofür es jedoch kein Anzeichen gibt. Auch Jospins Ankündigung wird vor allem taktisch interpretiert. Tatsächlich spricht manches dafür, dass es ihm vor allem darauf ankommt, ein möglichst breites Bündnis gegen Royal zusammenzubringen.

In La Rochelle hatte er damit Erfolg. Bei der Parteijugend, die im Frühjahr gegen den Beschäftigungsvertrag der Regierung von Premierminister Dominique de Villepin demonstrierte, hat Royal keinen guten Stand. Von den Konkurrenten wurde ihr einziger Auftritt boykottiert. Doch das ließ die „Königin der Umfragen“ ebenso kalt wie Jospins spätes Bekenntnis. „Es ist immer gut, die Vergangenheit zu analysieren. Was zählt, ist die Zukunft.“

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