Politik : Alle Menschen sollen Amerikaner werden - aber wozu?

Wolfgang Engler

Gleichheit und Gerechtigkeit sind keine Synonyme. Eine Gesellschaft kann ungleich, aber gerecht, gleich, aber ungerecht sein. Die soziale Ungleichheit wird in Deutschland in den nächsten Jahren zunehmen. Wie neoliberal sollen und müssen wir werden? Und hängt davon, was wir politisch wollen, überhaupt noch etwas ab?

Rainer Hank hat Recht: "Nach dem Sieg der Kapitalismen ist ein Wettbewerb entstanden. Dreh- und Angelpunkt des Streits ist die Frage nach der Gleichheit." Nur schade, dass er diesen Wettbewerb, kaum dass er nach 1989 in Gang gekommen ist, so schnell wie möglich beenden möchte, und zwar zugunsten des amerikanischen Modells von Wirtschaft und Gesellschaft.

In diesem wird Gleichheit auf eine eher sportive Weise verstanden und praktiziert - als Chancengleichheit, die den Teilnehmern am Rattenrennen gleiche Startbedingungen mehr verspricht als wirklich garantiert. Materielle Gleichheit genießt demgegenüber nur geringes Ansehen, ist weder Sinn noch Zweck der Übung und im Gerechtigkeitsempfinden nur schwach verankert. Hank bemüht sich nach Kräften, den Europäern, insbesondere uns Deutschen, genau diese Vorstellungen nahe zu bringen und die eingewurzelten zu diskreditieren. Leider äußert er sich in seinem Debattenbeitrag weniger klar als in seinem gleichnamigen Buch. Dort offenbart er sein Verständnis materialer Gleichheit unumwunden: "Neid ist sicherlich der größte Beweger der Gleichmacherei." Er kennt und anerkennt nur die kleinliche, engstirnige Seite der Gleichheit und verschweigt ihr wahres Wesen.

Die Gleichheit ist geizig und verschwenderisch, gebieterisch und fügsam, intolerant und solidarisch; bürgerlichen und politischen Freiheiten gewogen, wenn sie Privilegien einschränken, abgeneigt, wenn sie sie begünstigen. Eine Gesellschaft der annähernd Gleichen ist voller Missgunst für alle, die sich demonstrativ über den Durchschnitt erheben, voll echten Mitgefühls für die, die unter den Durchschnitt zu sinken drohen oder schon gesunken sind.

Weil er von dieser immanenten Dialektik nichts versteht, bleibt ihm rätselhaft, warum Menschen auch Gefallen an sozialer Gleichheit finden konnten und können. Mit nichts als einer unreflektierten Neidprojektion ausgestattet, geht er zum Angriff über.

Dabei argumentiert er nicht wie jemand, der den Menschen, zu denen er spricht, innerlich und kulturell verbunden ist; nicht einmal wie ein ehrlicher Makler, der die Vor- und Nachteile konkurrierender Modelle (USA, Europa, Asien) sorgsam gegeneinander abwägt. Er argumentiert vielmehr wie ein Verkäufer, der den Leuten um jeden Preis und mit allen Mitteln ein Produkt schmackhaft machen will, das hier zu Lande, glücklicherweise, noch immer Absatzschwierigkeiten hat: soziale Ungleichheit.

Er versucht uns einzureden, dass uns der wachsende Reichtum anderer nicht bekümmern muss, solange wir selbst wenig oder nichts verlieren; dass wir "Einkommensspreizungen", die auf der Grundlage der "Fairness" zustande kommen, gelassen tolerieren und Lohnverzicht üben sollten, weil wir langfristig selber davon profitieren; er möchte, dass sich die weniger Erfolgreichen unter uns mit den Augen der Bessergestellten betrachten und Schuldgefühle kultivieren. Er redet den Empfängern staatlicher Transferleistungen ein mieses Gewissen ein ("der Wohlfahrtsstaat entwürdigt, weil er Almosen verteilt").

Und wozu das alles? Nun, aus dem einzigen Grund, um sein dürftiges Ideal ("Die Weltwirtschaft muss angelsächsischer werden") mit Leben zu erfüllen. Denn ehe die ganze Welt nach seinen Vorstellungen funktionieren kann, müssen ihre Komponenten, die Nationen und Volkswirtschaften, durchamerikanisiert werden. Aus Marktwirtschaften sollen Marktgesellschaften werden, aus aktiven Staaten passive, aus geselligen Menschen sozial und kulturell entblößte Monaden, die sich dem "privaten Paradigma" in der Arbeitswelt unterwerfen, in der Daseinsvorsorge und weit darüber hinaus. Dazu passt seine Forderung, zur Armutsprävention künftig nur mehr die Arbeitenden heranzuziehen und die Unternehmen zu verschonen. Die könnten das nämlich als Zumutung verstehen und das Weite suchen. Da ist er Realist. Dem Gedanken, sie daran durch die (Wieder-)Einbettung der Wirtschaft in die Gesellschaft auf inter- und überstaatlicher Ebene zu hindern, attestiert er "anmaßende Absichten".

Wie würde man über einen Menschen urteilen, der sich ernsthaft bemüht, seinem Leben Sinn und Richtung zu geben, der zunehmenden Erfolglosigkeit seiner bisherigen Bemühungen inne wird und daraus den Schluss zieht, künftig auf jede Sinngebung, auf jede Richtungskorrektur zu verzichten? Vermutlich nicht sehr günstig. Strenger noch würden wir über Nationen urteilen, die dieselbe Torheit im kollektiven Maßstab begehen. Den strengsten Tadel aber verdient der, der sie dazu ermuntert.Aus der Tagesspiegel-Serie "Das Ende der Gleichheit - Wie Neoliberal wollen wir werden?"

Der Autor ist Sozialwissenschaftler und Publizist. Er lebt in Berlin.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben