Politik : Allein ganz oben

TOD EINES RADPROFIS

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Von Robert Ide

Wenn man fragt, was von einem Menschenleben bleibt, dann finden sich selten große Antworten. Nur neue Fragen. Habe ich die richtigen Dinge getan, mich mit den richtigen Menschen eingelassen? Was bleibt von mir – den anderen und mir? Marco Pantani hat sich diesen Fragen gestellt, bevor er tot in einem Hotelzimmer in Rimini gefunden wurde. Eine Antwort hat der italienische Radprofi nach 34 Lebensjahren sich und den anderen nicht hinterlassen. Nur Leere, nur Fragen. Aus den letzten Notizen von Marco Pantani spricht eine Ratlosigkeit, die nicht nur die Welt des Sports aufschreckt in diesen Tagen. „Ich bin allein“, hat er auf einen Zettel geschrieben. „Ich will wieder Radrennen bestreiten“, auf einen anderen.

Radrennen, Siege, Jubel – danach hat sich Pantani gesehnt. Der Sportler wollte gewinnen, egal, wie hoch das Risiko war, egal, wie sehr er seinen Körper dafür ausnutzen und medikamentös manipulieren musste. Wegen der Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst wurde er in Italien und auf der ganzen Welt verehrt. Hunderttausende pilgerten zu den sonst so einsamen Renngipfeln im Hochgebirge, um den „glatzköpfigen Gott“, wie sie ihn nannten, zu sehen. Sein ungestümes Hin und Her auf dem Rad, mit dem er die Gegner mürbe machte, hat ihm Ruhm und Geld eingebracht. Und Einsamkeit.

Marco Pantani litt an schweren Depressionen. Er war krank, fühlte sich niedergeschlagen, gehetzt, verletzt. Zehn Prozent der Deutschen kennen das aus ihrem Alltag. Die Weltgesundheitsorganisation stuft die Folgen der lange beschwiegenen Krankheit als schwerwiegend ein. Mehr als die Hälfte aller Menschen, die sich umbringen, haben eine depressive Vorerkrankung, manchen wurde sie vererbt. Ob Pantani sein Leben mit eigener Hand beendete, ist auch nach der ersten Autopsie nicht klar. Aber dass er sich nicht verstanden fühlte von der großen Öffentlichkeit, die immer bessere Leistungen verlangte, und von der kleinen Öffentlichkeit, seiner Familie, die ihn nicht zu schützen vermochte, ist sicher. So groß war der Druck, dass Pantani auch zu Drogen und leistungssteigernden Medikamenten griff, um den Erwartungen zu entsprechen. Nach Meinung von Medizinern verstärken Dopingmittel das Leiden depressiver Menschen, zum psychischen Außendruck kommt physischer Innendruck. Nun gehört Pantani der Öffentlichkeit nicht mehr.

Stars leiden. Der Popsänger Robbie Williams hat sich alle großen Bühnen der Erde erspielt, er wird von Millionen Teenagern angehimmelt, doch er sagt, dass er keine Freundin findet, die ihn liebt. Viele Spitzenathleten fühlen sich ähnlich. Sportler sind die neuen Stars der Globalisierung, einsame Kämpfer, die sich zu Ehren schinden. In einem kleinen Moment haben sie Glück und lösen große Emotionen aus. „Ich hatte immer das Gefühl, man braucht mich, da habe ich alles andere beiseite geschoben“, hat Sebastian Deisler der Öffentlichkeit mitgeteilt, als sie in eine Klinik starrte, die der Fußballstar wegen seiner Depressionen aufgesucht hatte.

Es gibt viele Idole, denen das Publikum immer näher kam, die alles mit allen teilen sollten: ihren Ruhm, ihr Geld, ihre kindliche Freude über ein wichtiges Tor. Mancher Star verlor dabei seine private Öffentlichkeit – und seine kindliche Freude. Vor zwei Jahren wollte Jan Ullrich, in Deutschland ein Idol wie Pantani in Italien, seine Karriere aufgeben, weil er vereinsamte inmitten einer Mannschaft, die ihn rundum betreute, und einer Fangemeinde, die ihn kontrollierte. Ullrich ist heute 30 Jahre alt – fast hätten es ihm seine Fans nicht verziehen, dass er in eine Bar ging und zu schnell Auto fuhr, dass er Alkohol und Pillen zu sich nahm. Erst ein paar Tage ist es her, dass Sven Hannawald allein an der Skisprungschanze in Willingen stand und die Sportwelt und sich selbst nicht mehr verstand. Zwei Jahre wurde er bedrängt vom Publikum, sein Privatleben zu vergeuden an Werbung und Marketing; bedrängt von Medien, die sein Erfolgsgeheimnis und eine neue Freundin für ihn suchten. Nun, da Hannawald, 29, nicht mehr springt, wie es alle erwarten, gibt es kein Erfolgsgeheimnis mehr. Nur Einsamkeit.

Wenn man fragt, was von einem Menschenleben bleibt, finden sich keine großen Antworten. Marco Pantani ist tot. Er war ein Star. Er musste gewinnen.

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