Politik : Allein zu Haus

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Ist es wirklich schon 15 Jahre her? Irre! Ich bin vom Mauerfall völlig überrascht worden. Ich weiß noch, dass ich in meiner Wohnung in Spandau vor dem Fernseher saß. Es waren faszinierende Bilder. Ich habe mich mitreißen lassen. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Aber ich fand es genial. Ich glaube, dass damals 99 Prozent aller WestBerliner nicht die geringste Ahnung hatten, dass das passieren würde. Die Wohnung habe ich in dieser Nacht nicht verlassen. Ich war noch nie der Typ, der sich in die Masse stürzt. Von mir gibt es also keine Geschichten als Mauerspecht oder von Trabbi-Fahrten. Das Einzige, was ich in dieser Nacht noch tat – ich telefonierte mit meiner Mutter. Sie war mein Ansprechpartner. Natürlich wusste sie längst Bescheid, auch bei ihr lief ja der Fernseher. Wir hatten ja damals viele Verwandte und Bekannte im Osten.

Mein Gott, war ich aufgewühlt. Nach ein paar Wochen setzte bei mir das Fluchen ein. Die Stadt war überfüllt. Mein Berlin hatte statt zwei plötzlich vier Millionen Menschen. Es war fast unmöglich, Plätze in Kinos, Restaurants oder Kneipen zu bekommen. Das legte sich erst nach Monaten. Später habe ich als Profiboxer dann oft in Magdeburg gekämpft und die Menschen aus den neuen Bundesländern kennen gelernt. Ich mag sie. Jedenfalls habe ich den Fall der Mauer immer als großes Geschenk empfunden. Deswegen finde ich das Gequatsche von einer noch höheren Mauer, die gebaut werden soll, ziemlich unpassend. Was sage ich – ich finde es doof. Fotos: Ullstein, imago

Sven Ottke war 1989 Amateurboxer, später Profi und macht heute eine Ausbildung zum Golflehrer in St. Leon-Rot.

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