Politik : Alles auf eine Karte

In der Testregion Flensburg werden am Montag die ersten elektronischen Gesundheitsausweise ausgegeben

Rainer Woratschka

Das neue Patientenzeitalter beginnt im hohen Norden. Am Montag bekommen Krankenversicherte in der Testregion Flensburg erstmals elektronische Gesundheitskarten ausgehändigt. Bis bundesweit alle Karten ausgegeben und sämtliche Ärzte, Apotheken, Kliniken und Krankenkassen auf einheitlichem Standard vernetzt sind, wird man nach Angaben aus Regierungskreisen aber bereits das Jahr 2008 schreiben. Nach ursprünglicher Planung sollte die Karte schon in diesem Jahr flächendeckend zum Einsatz kommen.

Die „Datenautobahn“ im Scheckkartenformat werde die herkömmlichen Versichertenkarten schrittweise ablösen, hieß es am Donnerstag in Berlin. Laut Planungsauftrag liegen die Kosten für Deutschlands größtes IT-Projekt bei 1,4 bis 1,6 Milliarden Euro. Allerdings würden sich die Kosten für Software, Lesegeräte und mehr als 70 Millionen Karten schon in wenigen Jahren bezahlt machen, meinen Experten und schwärmen von den technologischen Möglichkeiten. So sollen die winzigen Mikroprozessoren nicht nur Rezepte und Notfalldaten der Versicherten transportieren, sondern bei deren Einwilligung auch den Schlüssel zur kompletten Patientenakte bilden – was etwa die Kommunikation zwischen Hausarzt und Krankenhaus erheblich erleichtern könnte.

Was die 10 000 freiwilligen Premieren-Teilnehmer in Flensburg demnächst in den Händen halten werden, ist vorerst freilich nur ein fälschungs- und missbrauchsgeschützter Ersatz für ihre bisherige Versicherungskarte. Die mit Fotos versehenen Karten können gesperrt werden, zudem ist dann jeder Versicherte kassenübergreifend registriert. Die Kartenfunktionen werden nach und nach erweitert. Regierungskreisen zufolge war bei den Versicherten „keine Negativhaltung“ zu spüren. Nur zehn Prozent hätten die Teilnahme verweigert, meldete eine beteiligte Krankenkasse. Und begründet hätten dies gerade einmal zwei Prozent mit datenschutzrechtlichen Bedenken.

Weit größer ist die Skepsis unter den Ärzten. Erst am vergangenen Wochenende hat sich die Kassenärztliche Vereinigung (KV) in Hessen aus der Telematik- Arbeitsgemeinschaft der Kassenärzte verabschiedet. Für Ärzte und Psychotherapeuten bringe die Gesundheitskarte „hohe Kosten, aber keinen Nutzen“, sagte Hessens KV-Sprecher Karl Roth dem Tagesspiegel. Der Beschluss der Vertreterversammlung sei einstimmig gefallen, und er rechne damit, „dass andere KVen unserem Beispiel folgen werden“. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) verwies darauf, dass sich die Investitionen langfristig auch für Ärzte auszahlten. Auch sei vereinbart, dass die Aufwendungen von den Kassen erstattet würden, sagte KBV-Sprecher Roland Stahl dieser Zeitung. Dem Vernehmen nach ist eine Pauschale von je 6000 Euro geplant. Allerdings rechnet auch Stahl damit, „dass wir in Sachen Akzeptanz bei den Ärzten noch viel Arbeit leisten müssen“.

Aus der Testregion Flensburg war anderes zu hören. Dort herrsche bereits ein gewisser „Marktdruck“, hieß es. Ärzte hätten sich beschwert, dass sie nicht als Teilnehmer vorgesehen sind. Noch im Dezember sollen auch in der Region Löbau-Zittau (Sachsen) erste Gesundheitskarten ausgegeben werden. Es folgen Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland- Pfalz, dann Niedersachsen und Baden- Württemberg. Ab Mitte 2007 soll dann die Kartenausgabe bundesweit beginnen.

www.die-gesundheitskarte.de

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