Politik : Alles Banane (Glosse)

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Es war vor kurzem im beliebten Vier-Sterne-Gefängnis Haselhorst, als Günter Schabowski eine Niederlage hinnehmen musste. Da wollte er einem Kumpel selbstlos eine Banane spendieren - und fing sich eine genialische Replik ein: "Erst hast du mir die Bananen verweigert, und jetzt willst du mir welche schenken." Zack! Gibt es eine Symbolhandlung, die die definitive Abrechnung mit der DDR noch schlüssiger bündeln, mit noch weniger Worten, geradezu haiku-mäßig, auf ein zwischenmenschliches Paradox konzentrieren könnte? Das Leben hat dem bekannten, inzwischen vom Glauben abgefallenen Bananenverweigerer noch einmal die Krallen gezeigt, falls man das so sagen kann. Doch er hadert nicht, wie wir einer jetzt veröffentlichten Home-Story entnehmen können. Vielmehr wälzt er sich förmlich im Glück in einer Weise, die das Begehen sorgfältig kalkulierter Straftaten interessant, wenn nicht gar verlockend erscheinen lässt: "Ich bin zufrieden mit meinem Leben im Gefängnis", sagt er. Er sehe sogar eine Chance, zum Beichtvater oder Sozialarbeiter zu werden. "Kriminell sein ist vielleicht auch ein Ausloten von Möglichkeiten" - da spricht er uns gewöhnlichen Eierdieben aus dem Herzen und reißt Perspektiven der Geschichtsschreibung auf: War am Ende das ganze SED-Politbüro eine Möglichkeiten-Auslotungs-Organisation? Nur Egon Krenz, der "alte Egon" (Schabowski) hat es noch nicht gerafft und schimpft, statt gelassen einzusitzen. Vielleicht hilft eine Ohrenbeichte beim Kollegen Schabowski?

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