• Alles ging schief für Jürgen Rüttgers, der auch in der Landes-CDU nicht bei allen Unterstützung findet

Politik : Alles ging schief für Jürgen Rüttgers, der auch in der Landes-CDU nicht bei allen Unterstützung findet

Robert Birnbaum

Für den Tag nach dem Wahlabend", hat Jürgen Rüttgers vor einer Woche den Delegierten des CDU-Bezirksparteitags Ruhr empfohlen, "legen Sie sich Alka-Selzer oder Aspirin bereit." Gegen den Kater nach der Siegesfeier nämlich. Den Katzenjammer kriegen die nordrhein-westfälischen Christdemokraten nun - und das sogar ganz ohne Feier. Seit die ersten Prognosen und Hochrechnungen über die Fernsehschirme im Düsseldorfer Landtag laufen, ist klar: Den 34 Jahren SPD-Herrschaft an Rhein und Ruhr werden fünf weitere Jahre folgen. Das wird vor allem dem gescheiterten Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers noch Kopfschmerzen bereiten. Weshalb es von Weitsicht zeugt, dass er seinerzeit in Hagen angekündigt hat, er werde sich gleich eine ganze Packung schmerzlindernder Pillen beschaffen.

Wer ihn ein bisschen kennt, hat ihm damals schon an der Nase die bittere Ahnung ablesen können: Das wird nichts. Da müsste schon ein Wunder geschehen. So wie vor einem guten halben Jahr. Da hat die CDU die Kommunalwahlen gewonnen, furios gewonnen, knapp über 50 Prozent. Aber im September 1999 war die CDU-Welt ja auch noch in Ordnung, das Weltbild der SPD nachhaltig erschüttert. Dann kam der Spenden-Skandal. Seither ist bei den Schwarzen gar nichts mehr in Ordnung. Die Roten aber feiern Auferstehung.

"Es gibt auf den Straßen und in den Versammlungen nach wie vor eine Wechselstimmung", hat ein paar Tage vor der Wahl einer analysiert, der Nordrhein-Westfalen gut kennt und jetzt ein hohes Tier bei der Berliner CDU ist. "Aber was fehlt, ist die Wut auf die Bundesregierung." Diese Wut auf den Chaos-Verein in Berlin, auf den Schröder mit der dicken Zigarre hat damals bei der Kommunalwahl den Ausschlag gegeben. Gerade die treuen Sozialdemokraten sind zu Hause geblieben.

Die Nüchternen unter den NRW-Christdemokraten haben freilich damals schon davor gewarnt, das Landtagsrennen nach dem Vorlaufsieg bereits für entschieden zu halten. Zu den Nüchternen zählt Rüttgers allemal. Was man schon daran erkennt, dass er mit seinem Fraktionschef Laurenz Meyer seinerzeit eine vorsorgliche Absprache für den Fall getroffen hat, dass die Wahl verloren geht - Meyer solle dann zurück in die Wirtschaft gehen, der Landesvorsitzende als Fraktionschef in Personalunion den Oppositionsführer abgeben.

Aber das könnte schon die erste dieser Fragen werden, bei denen Rüttgers auf seine Kopfschmerz-Medizinvorräte zurückgreifen muss. Laurenz Meyer nämlich, ein Mann von erfrischender Deutlichkeit und anscheinend nie erlahmendem Kampfgeist, ist beliebt in seiner eigenen Fraktion. "Meyer muss auf jeden Fall der Politik erhalten bleiben", sagt auch ein wichtiges Mitglied der Landespartei. Andere Christdemokraten werden noch deutlicher: Das sei ja nun gar nicht einzusehen, dass der begabte Fraktionschef in der Versenkung verschwinden solle, nur damit ein Rüttgers sanfter abstürze.

Manche sehen den Landesverband dreigeteilt: Ein Teil pro Rüttgers, einer gegen ihn, ein dritter unentschieden. In Wahlkampfzeiten aber ist nun mal Zusammenhalt oberstes Gebot. Und seit Rüttgers den Vorsitz angetreten hat, sind permanent Wahlkampfzeiten gewesen. Weshalb nicht nur der Parteichef, sondern auch andere Parteigrößen mit einigem Recht sagen können, seither sei der berüchtigte Intrigenhaufen NRW-CDU zum Team zusammengewachsen.

Ob es dabei bleibt, jetzt, wo der Hoffnungsträger das gleiche Schicksal erlitten hat wie seine Vorgänger, heißen sie nun Biedenkopf, Blüm oder zuletzt Helmut Linssen? Auch so eine Frage für Kopfschmerz-Tabletten. Die nach der Zukunft des Bundespolitiker Rüttgers erst recht. Stellvertretender Parteichef ist er ja. Aber was heißt das schon? Dass sein Verhältnis zur Parteichefin Angela Merkel so harmonisch ist wie jenes zwischen Hund und Katz, pfeifen sie in Berlin von den Dächern. Fraktionschef Friedrich Merz gilt ebenfalls nicht als Rüttgers-Fan. Beide stehen nicht im Ruf, Tag und Nacht darüber nachzudenken, welche wichtige Rolle der Parteivize Rüttgers in der Partei spielen könnte. Und sein Verhalten erst in den Turbulenzen der Spenden-Affäre und dann im Wahlkampf in NRW hat sogar Leute an ihm zweifeln lassen, die ihn als guten Analytiker immer geschätzt haben.

Warum nur hat er so lange an Helmut Kohl festgehalten? "Meine Kreisvorsitzenden bedrängen mich, sie wollten Kohl im Wahlkampf haben", hat er damals gesagt, was wie eine Entschuldigung klang: Sorry, Leute, ich kann ja nichts dafür. Und dann diese "Kinder-statt-Inder"-Geschichte! Die Formulierung stammt nicht von ihm, da hat ein Journalist einen längeren Satz aus einem CDU-Flugblatt griffig zusammengefasst. Flugs wurde daraus eine Kampagne, mit Postkartenaktion, Hessen lässt grüßen. Kaum läuft die Sache an, will der Kandidat aber mit ihr so recht nichts mehr zu tun haben. "Dem Mann ist nicht zu helfen", hat einer seiner früheren Förderer kopfschüttelnd beim Essener Bundesparteitag angemerkt, als Rüttgers die Chance ungenutzt ließ, in seiner prominent platzierten Begrüßungsrede die ganze CDU auf die Aktion zu verpflichten: kein Wort von den Postkarten.

Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass Rüttgers seinerzeit im parteiinternen Streit über Roland Kochs Unterschriftensammlung gegen den Doppelpass das versöhnende Kompromisspapier geschrieben hat. Da würde er es sich selbst nicht glauben, wenn er nun plötzlich ein Koch-Double abgeben sollte. Wie ihm ja überhaupt das Differenzieren viel mehr liegt als der brachiale Polit-Kampf. Nur dass manchmal vor lauter Differenzieren allenfalls noch für ihn selbst eine Linie zu erkennen ist.

Inzwischen muss er sich als der "Haider vom Rhein" beschimpfen lassen, was ihn schmerzt, weil er sich falsch verstanden fühlt: Der Anti-Inder-Populismus war doch gar nicht ernst gemeint. Was aber nun wieder jene CDU-Anhänger älteren Stils verstört, die dachten, jetzt beginne der Mann endlich die Sprache zu sprechen, die in den weltabgewandteren Ecken von Sauer-, Sieger- und Münsterland seit jeher am besten verstanden wird: keine Fremden, nirgendwohin, schon gar nicht an unsere Computer.

So nimmt es nicht Wunder, dass selbst Wohlwollende in der CDU sich in den letzten Wochen gefragt haben, ob nicht der Ex-Zukunftsminister mit 48 Jahren seine Zukunft bereits hinter sich hat. "NRW braucht einen Neuanfang" hat die CDU zum Abschluss ihrer Kampagne plakatiert. Nur diesen Satz, weiß auf orangerotem Hintergrund, und ein ganz kleines "30 Jahre SPD sind genug" oben links in der Ecke. Von Jürgen Rüttgers keine Spur. Wenn er nach diesem Wahlabend nicht sehr aufpasst, kann es ihm passieren, dass die eigene Partei das Plakat einleuchtend findet. Und nach einem Neuanfang ruft. In der CDU. Ohne Rüttgers.

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