Politik : Alles ist anders, als du denkst

HANS CHRISTOPH BUCH

Gastarbeiterdeutsch ist die lingua franca auf dem Balkan, wo die Mark als Einheitswährung dient, und es gibt zwei Worte, die man in wechselnder Kombination immer wieder hört: NIX und KAPUTT. "Bitte NIX kaputt" heißt "nicht schießen", und "Kosovo kaputt" ist eine schlechte, "Serbien kaputt" dagegen eine gute Nachricht, bei der sich die Gesichter der Kosovo-Albaner zu breitem Grinsen verziehen, gefolgt von einem Händedruck und dem Ruf "Thank you, Deutschland!" Anders als das Fernsehen suggeriert, tragen die Menschen keine Leidensmienen zur Schau, im Gegenteil: Die bis auf die Knochen ausgemergelten Vertriebenen, die, den Nato-Appellen zum Trotz, aus den Flüchtlingslagern an der Grenze in ihre kosovarische Heimat zurückkehren, haben einen zähen Lebenswillen und eine Lebensfreude, die uns saturierten Westlern längst abhanden gekommen ist. Überhaupt ist vor Ort alles anders, als es aus der Ferne erscheint, eine Erfahrung, die ebenso verwirrend wie bereichernd ist.

Fangen wir mit dem Augenschein an: Die Kosovaren sehen aus wie entfernte und vergessene Verwandte, Trümmerfrauen oder Kolchosbauern, die irgendwann auf ihrer indoeuropäischen Wanderung in ein Gebirge gelangt sind, aus dem kein Weg herausführte. Auf den Gipfeln liegt Schnee, auf den Hängen blüht der Mohn, in den Tälern wächst Wein, und ab und zu fegt ein Staubsturm von den kahlen Felsen herab, der die Sicht verdunkelt und Regen und Hagel nach sich zieht. Der Kontrast zwischen der Schönheit der über die Berge wandernden Wolkenschatten und dem Elend der Menschen könnte kaum größer sein.

Auf dem 200 Kilometer langen Weg vom albanischen Kukes nach Blace in Mazedonien ist zwischen Prizren, Suva Reka und Stimlje kaum ein Stein auf dem anderen geblieben. Ähnlich wie früher in Bosnien hat die serbische Artillerie die Minarette der Moscheen als Zielscheiben benutzt und alle von Albanern bewohnten Häuser systematisch unbewohnbar gemacht. Die Botschaft ist klar: Wehe, wenn ihr euch noch einmal blicken laßt! Nur die von Serben bewohnten Ortsteile blieben verschont, alles übrige sieht aus wie eine Geisterstadt, wo zwischen niedergebrannten Ruinen Pferde, Kühe und Hunde streunen, die sich zu Rudeln zusammenschließen. Tierkadaver verrotten, plattgewalzte Autos oder Traktoren verrosten am Straßenrand, und anders als behauptet wird, lassen sich die von Nato-Bomben verursachten Schäden auf einen Blick unterscheiden von den Verwüstungen, die serbische Paramilitärs anrichteten. Die meisten Brücken sind intakt, nur Fabriken und Kasernen haben die "intelligenten" Waffen der Nato zerstört - wie eine zum Munitionsdepot umfunktionierte Schnapsdestillerie an der Straße nach Djakovica oder die nach einen Raketentreffer implodierte Polizeistation der Stadt, ein schwerer Betonklotz, in dessen viertem Stock des Terrorismus verdächtige Mitglieder und Sympathisanten der UÇK bei Verhören gefoltert wurden. Im Büro des Kommandanen stapeln sich Fahndungsfotots, Kennkarten mit Fingerabdrücken und Listen mit Namen, von denen viele ausgestrichen sind. Jeder albanischstämmige Junge im wehrfähigen Alter stand im Verdacht, UÇK-Mann zu sein, und mit juristischen Prozeduren hielt sich der Polizeichef nicht lange auf. Auf seinem Schreibtisch liegt ein zerfleddertes Pornoheft, leere Schnapsflaschen und Patronenhülsen.

"Ich habe nicht gewußt, daß die Serben uns so hassen", sagt Dukagjin Juniku und zeigt mir ein im Garten seines Hauses geschaufeltes Grab, in dem er die von Paramilitärs ermordete Familie seines Nachbarn heimlich beigesetzt hat, um die Polizei daran zu hindern, die Spuren zu verwischen. Ich presse mir ein Taschentuch vor die Nase, um den Verwesungsgestank nicht einzuatmen, der aus der umgepflügten Erde steigt, und schlage die Augen nieder beim Anblick des aus dem Massengrab ragenden Ärmels mit Überresten einer Hand. "Der Träger der Jacke war mein bester Freund", fährt er fort, während er mich durch die mit Einschußkratern gekerbten Straßen der Altstadt führt, vorbei an Geschäften, die beim Abzug der Serben geplündert worden sind, und dem bis auf die Grundmauern ausgebrannten Basar. Djakovica, albanisch Gjakove, galt einmal als die schönste Stadt des Kosovo. "Ich lebe noch", sagt der 32jährige angesichts der Trümmer der Pizzeria, die er mit seinem in Basel verdienten Geld aufgemacht hat, "aber der Preis fürs Überleben war zu hoch." Er bittet um eine Marlboro; seit drei Monaten hat er keine Zigarette mehr geraucht, aber als ich ihm die ganze Packung anbiete, wehrt er dankend ab mit den Worten: "Ich bin kein Penner, dafür bin ich zu stolz."

Die Würde dieser Menschen ist um so erstaunlicher, wenn man bedenkt, mit was für Vorurteilen Kosovaren und Albaner tagtäglich konfrontiert sind: nicht nur auf serbischer Seite, wo ihnen blanker Haß entgegen schlägt, sondern auch im aufgeklärten Mittel- und Westeuropa, wo man sie als Mafiosi und Terroristen diffamiert. Das war vor 121 Jahren nicht anders, als die "Liga von Prizren" die in Berlin tagende Balkan-Konferenz ersuchte, den im osmanischen Reich lebenden Albanern und Kosovaren begrenzte Autonomie zu gewähren. Von den unter Bismarcks Federführung versammelten Außenministern wurden die Wünsche der Kosovo-Albaner, ähnlich wie später in Rambouillett, schlicht ignoriert. Seitdem ist unsere Kenntnis des Balkans über das Niveau von Karl-May-Romanen kaum hinausgelangt.

Ähnlich unterbelichtet ist das Bild der UÇK, die, ganz im Sinne der serbischen Propaganda, entweder als fanatische Killertruppe oder als verlängerter Arm der albanischen Mafia erscheint. Parallel dazu wird Ibrahim Rugova zu einer einsamen Lichtgestalt stilisiert. Ein wahrhaft unverdächtiger Zeuge, der Vorreiter einer zivilen Gesellschaft und Chefredakteur der Tageszeitung "Koha Ditore", Baton Haxhiu, der wohl kritischste Intellektuelle des Kosovo, sieht das ganz anders. Für ihn ist die Überschätzung des Albanerführers Rugova ein Ausdruck westlichen Wunschdenkens, ebenso wie die an Diffamierung grenzende, notorische Unterschätzung der UÇK. Deren Widerstand sei durch die von serbischen Paramilitärs begangenen Massaker moralisch legitimiert, das Volk stehe geschlossen hinter den Kämpfern der UÇK, und ihre vollständige Entwaffnung wäre aus der Sicht der Opfer und Überlebenden wie auch angesichts der Zögerlichkeit der Nato-Staaten nicht wünschenswert: "Jetzt geht es darum, die UÇK in eine Polizeitruppe umzuwandeln und in die aufzubauende demokratische Verwaltung zu integrieren."

Kadri Kryeziu, UÇK-Kommandanteur in Kukes, ist damit nicht einverstanden. "Wir brauchen eine moderne, professionelle Armee", sagt der 41jährige, der als Anführer einer Protestdemonstration in Pristina 1981 zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, von denen er neun in jugoslawischer Haft absaß. "Die UÇK hat aus ihren Fehlern gelernt und den Serben trotz deren Überlegenheit empfindliche Verluste beigebracht. Unsere Erfolgsmeldungen sind nicht übertriebener als die von Nato-Sprecher Shea, der schon vor Wochen die vollkommene Zerschlagung der jugoslawischen Militärmaschinerie gemeldet hat. Hier, sehen Sie selbst!"

Und er reicht mir ein Kommuniqué, in dem Hunderte von Artilleriestellungen, Militärfahrzeugen und Panzern aufgelistet sind, die die UÇK vernichtet haben will. Auch wenn Skepsis nötig ist gegenüber der militärischen Schlagkraft der Befreiungsfront, die den Nato-Erfolg ihrem Konto gutschreiben will, führt an der politischen Bedeutung der UÇK doch kein Weg vorbei. Sie ist die einzige organisierte Kraft, die überall im Kosovo präsent ist, und hat einen hohen Blutzoll bezahlt, was sie in den Augen der Bevölkerung glaubwürdig macht. Die meisten Übergriffe gegen Serben sind nicht das Werk der UÇK, die mühsam Ruhe und Ordnung aufrechtzuerhalten versucht: Ihre aus Gastländern wie der Schweiz oder aus amerikanischem Exil zurückgekehrten Kommandeure leiten bislang eine bemerkenswerte Disziplin an den Tag. Zum Abschied frage ich Kadri Kryeziu, ob er noch mit Serben befreundet ist. "Diese Frage ist absurd. Bevor man mich ins Gefängnis steckte, hatte ich serbische Freunde und Kommilitonen, aber nach all dem, was sie meinen Landsleuten und mir angetan haben, sind Freundschaften zwischen Kosovo-Albanern und Serben nicht mehr möglich." - "Für immer?" - "Das weiß nur Gott. Inschallah!"

Am nächsten Morgen läuft mir im OSZE-Gebäude von Prizren, wo das Bundeswehrkommando eingezogen ist, ein serbischer Offizier über den Weg, dessen an Buster Keaton erinnerndes Gesicht mir bekannt vorkommt. Es ist der Kommandeur der jugoslawischen Truppen in Monrine an der albanischen Grenze, der dort vor laufenden Kameras über den Abzug seiner Soldaten verhandelte - verhandeln ist schon zuviel gesagt, denn die Bundeswehr hatte ihm ein auf 30 Minuten befristetes Ultimatum gestellt. Als ich ihn auf russisch ansprach, lehnte er ab, meine Fragen zu beantworten, aber jetzt ist der Oberst zu einem kurzen Gespräch bereit. Sein Name ist Jozef Feher, und er fungiert als Verbindungsoffizier der jugoslawischen Armee zur Bundeswehr. Seine Mutter war Volksdeutsche, wie er betont, sein Vater Ungar, und er stammt aus Novi Sad in der Vojvodina. "Ich finde den Krieg genauso absurd wie Sie", sagt der Mann mit der multiplen Identität, der sich als deutsch-ungarischstämmiger Jugoslawe definiert, "aber die russischen Soldaten wurden auch nicht gefragt, ob sie gegen Tschetschenien in den Krieg ziehen wollten."

Am letzten Abend sitze ich mit Dardan Mustafaj, Sohn des Schriftstellers und früheren Botschafters Albaniens in Frankreich, am Ufer der Bistrica. Ich will wissen, was Dardan Mustafaj von der Wiedervereinigung des Kosovo mit Albanien hält. "Das ist keine gute Idee", meint der junge Mann, der in Paris ein Lyzeum besucht hat: "Das Niveau beider Staaten ist zu unterschiedlich. Die Erde duftet hier genauso wie dort, aber Kosovo war ein reiches Land, während Albanien rückständig und unterentwickelt ist. Schreiben Sie das ruhig, aber erzählen Sie niemandem, daß ich in Prizren bin", sagt der 17jährige, der von zu Hause ausgerissen ist, um bei der Befreiung des Kosovo dabei zu sein.

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