Politik : Alles ist out

Offene Homosexualität wird auch in der Politik immer normaler

Caroline Bock (dpa)

Ole von Beust selbst denkt wohl wie viele. „Ich finde, was jemand privat macht, ob er nun schwul ist oder heterosexuell oder bi oder was auch immer, was jemand im Bett macht und privat macht, ist seine Privatangelegenheit“, sagte er dem Sender NDR 90,3 auf die Frage, was es ihm bedeute, dass seine angebliche Homosexualität jetzt bundesweit ein Thema geworden sei. „Und wenn Herr Schill sich durch ein solches Gerede selber zum Gespött macht, ist das sein Problem und um Gottes willen nicht meines.“

Sexualität ist Privatsache – wirklich? Unter Showstars stimmt das wohl schon lange nicht mehr, in der Politik wird das Axiom langsam aufgeweicht. Inge Meysel zum Beispiel war in einem Interview einmal nicht gerade dezent. „Eigentlich habe ich nur schwule Freunde. Ich verreise zum Beispiel gerne mit Wilhelm Wieben“, sagte die Schauspielerin dem „Stern“. Der „Tagesschau“- Sprecher nahm das Outing gelassen. Aber nicht jedem ist es recht, wenn die Privatsphäre einfach in die Öffentlichkeit gezerrt wird. Und wie im Fall des jetzt geschassten Hamburger Innensenators Ronald Schill kann die Behauptung gerade dem schaden, der sie äußert. Schill hatte dem Bürgermeister Ole von Beust ein Verhältnis mit dem Justizsenator und damit eine Verquickung von Amt und privater Beziehung angehängt.

Ob schwul oder lesbisch: Das taugt zwar noch für viele Schlagzeilen – wie zum Beispiel nach dem berühmten „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ von Berlins Regierungschef Klaus Wowereit – aber für einen Skandal reicht es nicht mehr. Das war beileibe nicht immer so. 1984 wurde der Bundeswehrgeneral Günter Kießling wegen angeblicher Homosexualität entlassen. Diese machte ihn nach Ansicht des damaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner erpressbar. Er bestritt die Vorwürfe und wurde rehabilitiert. Seitdem hat sich viel getan. Schill hat sich mit seinen Äußerungen ins Abseits begeben, wie der Lesben- und Schwulenverband Deutschland meint. Er habe „so getan, als sei Homosexualität etwas Schlimmes“, womit man Politiker erpressen könne, sagt Sprecher Klaus Jetz – und empfiehlt Schwulen und Lesben, offen mit ihrer Sexualität umzugehen.

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