Politik : Alles nur geklaut

Harald Maass

Peking - Höher als Zhou Yezhong kann man als Wissenschaftler in China kaum steigen. 2002 durfte der Juraprofessor aus Wuhan im Politbüro und vor dem damals neuen Präsidenten Hu Jintao einen Vortrag über Verfassungsrecht halten. Nun steht Zhou in der Kritik: Die Ideen für sein neues Buch soll der ideologische Vordenker der Regierung ausgerechnet bei einem Dissidenten geklaut haben.

Einem Bericht der „China Jugendzeitung“ zufolge, soll Zhou weite Teile seines im September erschienenen Buches „Eine konstitutionelle Interpretation des Republikanismus“ bei früheren Arbeiten des Bürgerrechtlers und Universitätsdozenten Wang Tiancheng abgeschrieben haben. Wang hatte Anfang der 90er Jahre versucht, eine demokratische Partei zu gründen, und wurde dafür 1992 mit fünf Jahren Gefängnis bestraft.

Er sei „schockiert“ über die in weiten Teilen wörtliche Kopie seiner Arbeiten, sagte Wang der Nachrichtenagentur Reuters. Wang, der heute als Geschäftsmann tätig ist, ärgert sich vor allem darüber, dass Zhou seine politischen Ideen im Sinne der Ideologie der Kommunistischen Partei missbraucht habe. „Er hat modische Begriffe wie Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit für die Ziele der Partei neu verpackt und ist dadurch zur Spitze aufgestiegen“, erklärte Wang. Das Plagiat sei ein Beweis für die „Leere“ in der offiziellen Parteiideologie. „Sie haben selbst nichts und müssen deshalb das Oppositionslager nach neuen Ideen abgrasen.“

In der Tat wird es für Chinas KP-Führer immer schwieriger, die Kluft zwischen Ideologie und Wirklichkeit zu erklären. Während die Oberschicht importierte Luxusautos fährt, können Bauern und Fabrikarbeiter oft nicht das Schulgeld für ihre Kinder bezahlen. Staats- und Parteichef Hu Jintao spricht neuerdings von der „harmonischen Gesellschaft“ – eine von vielen Worthülsen, mit denen die KP den Einparteienstaat maskiert.

Im Fall Zhou scheinen die Vorwürfe der KP peinlich zu sein. Die Propagandaabteilung, die höchste Zensurbehörde des Landes, wies nun die Medien des Landes an, über den Plagiatstreit nicht mehr zu berichten.

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