Politik : Alles nur Spektakel?

Prozessbeginn gegen den irakischen General, der 1988 Giftgas einsetzen ließ. Die Opfer sehen darin Wahlkampf

Erwin Decker[Suleymanija]

„Chemie-Ali“ erschien als erster vor den Untersuchungsrichtern des Sondertribunals in Bagdad, vor dem sich auch Saddam Hussein verantworten soll. General Ali Hassan al Madschid soll den Giftgasangriff der irakischen Armee auf den Ort Halabdscha 1988 angeordnet haben. Doch viele Opfer von damals sind enttäuscht darüber, wie mit den Gräueltaten aus der Zeit von Saddam Hussein umgegangen wird. Tariq Aneen gehört zu den Überlebenden von Halabscha. Ihm reicht das juristische Vorgehen gegen „ChemieAli“ bei weitem nicht. Denn von einem Tribunal sind die Vorbereitungen noch weit entfernt. Am Samstag fand zunächst nur eine Anhörung statt. „Das ist nichts als Wahlkampf, um den Irakern das Gefühl zu geben, dass die Übergangsregierung etwas unternimmt – und damit Stimmen für die Wahl zu sammeln. Ein rechtsstaatlicher Prozess ist in weiter Ferne“, sagt der enttäuschte Kurde.

Der 37-jährige Tariq Aneen überlebte den Gasangriff nur durch einen Zufall. Er verließ sein Elternhaus sehr früh, um nach den Schafherden in den Bergen zu sehen. Es war ein klarer Frühlingstag am 16. März 1988, als er die Helikopter über Halabscha sah. Er konnte die gelblichen Nebelschwaden gut erkennen, die durch die Stadt zogen. Als er tiefer ins Tal kam, konnte er den Tod sogar riechen. Süßlich und bitter war der Geschmack auf seiner Zunge. Überall hörte er Stöhnen und Röcheln. „Nie werde ich diesen Tag vergessen“, sagt Tariq Aneen. Er verlor seine gesamte Familie, als die Armee Senfgas, Sarin und den Kampfstoff VX über dem Kurdendorf abwarf. Etwa 5000 Menschen starben an diesem Tag in Halabscha, als Saddam Hussein beschloss, die Kurden seines Landes zu bestrafen, weil er sie der Kollaboration mit Iran verdächtigte.

Tariq Aneen gehört zu einer Kommission, die die Spuren und Opfer des Massakers in Halabscha dokumentiert hat. Bis heute hat noch kein Staatsanwalt oder Gericht aus Bagdad bei der Kommission wegen der Daten, Fakten und Bilder zu dem Gasangriff nachgefragt. Die wären aber für eine Anklage gegen „Chemie-Ali“ besonders wichtig, glaubt er. Auch eine Zeugenbefragung von Überlebenden hat es offenbar nicht gegeben. Mit der jetzigen Anhörung in Bagdad wolle die Übergangsregierung in der Hauptsache dem irakischen Volk die Gefangenen vorführen, so Aneen. Das „Spektakel“ falle zudem fast auf den Tag mit dem offiziellen Beginn des Wahlkampfes zusammen.

Die Kommission von Halabscha befürchtet, dass die Prozesse gegen die Verantwortlichen der Gräueltaten aus der Zeit Saddam Husseins nicht nach internationalen Standards mit wissenschaftlicher Begleitung und ausländischen Beobachtern durchgeführt werden. Dann hätte der Irak die Chance zur Aufarbeitung seiner Vergangenheit für immer verpasst.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben