Politik : Alles zu seiner Zeit

DER NÄCHSTE PRÄSIDENT

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Von Gerd Appenzeller

Moment mal! Er ist nicht zurückgetreten. Er ist noch zehn Monate im Amt. Was sollen also all die Bilanzierungsstriche, die seit Donnerstagabend unter die Arbeitsleistung des Bundespräsidenten Johannes Rau gezogen werden? Geschehen ist das: Er hat nicht den sofortigen Abschied aus der Politik verkündet, sondern seine Entscheidung mitgeteilt, nicht mehr anzutreten. Hier Klarheit zu schaffen, dazu war er seit Monaten gedrängt worden. Das hat er getan. Und nun rauscht und flimmert es in Politik und Medien, als sei das Thema Rau damit abgehakt. Wie war er als Präsident, wer kommt nach ihm – nur das interessiert. So, als sei ein Staatsoberhaupt, das nicht wieder kandidiert, über Nacht politisch bedeutungslos geworden.

Wie typisch ist das für eine Zeit, in der die Schnelligkeit der Bewegung mehr zu zählen scheint als deren Richtung und Sinn. Jeder Gedanke mit einer Halbwertzeit von mehr als einem Tag wird schon als Problem empfunden, als zu komplex. Also weiter, schnell. Aber das ist zu kurz gedacht, überhaupt und ganz speziell im Fall Rau. Denn wenn es um ihn und seine Beharrlichkeit geht, verschätzt man sich gerne. Rau ist noch zehn Monate im Amt, fast ein Fünftel seiner ganzen Amtszeit. Und in dieser Zeit muss er keine Rücksichten mehr nehmen auf Parteibefindlichkeiten, auch wenn er natürlich vehement bestreiten würde, das im Bellevue jemals getan zu haben. Rau kann richtig unbequem werden, ein Querdenker, wenn es um die ihm besonders nahen und wichtigen Themen der gesellschaftlichen Werteordnung und der Minderheiten geht. Gerade weil ihm nicht mehr so viel Zeit im Amt bleibt, wird er das noch stärker tun können.

Es ist wahr: Johannes Rau hätte eine zweite Amtszeit angehängt. Die politischen Verhältnisse waren nicht so. Dass ihn seine private Lebensplanung, nennen wir es: Einsicht in die Endlichkeit, zum Verzicht bewogen hat, glauben wir ihm gerne – und übersehen und überhören doch nicht die leise Wehmut bei der Verkündung seiner Entscheidung. Rau wäre aber der erste Präsident gewesen, den eine Mehrheit der Bundesversammlung abgewählt hätte. Das Staatsoberhaupt am Parteienproporz gescheitert wie ein Kanzler beim Misstrauensvotum? Das wäre zu viel gewesen. So bleiben ihm noch zehn und keine siebzig Monate. Vielleicht hat ein gütiges Schicksal ihn davor bewahrt; denn dieses Amt fordert den Menschen viel mehr, als Außenstehende vermuten.

Johannes Rau habe, so sagen die, die sich jetzt öffentlich über seine potenziellen Nachfolger Gedanken machen, für die alte Bundesrepublik gestanden. Das klingt abwertend, und es ist auch so gemeint. Wenn dem so wäre – wer stünde für die neue Bundesrepublik? Und was ist die „neue Bundesrepublik“? Rau war und ist in der Tat auf eine anrührende Art altmodisch. Und alt, ja, alt ist er auch. Altmodisch, weil er bürgerliche Tugenden und christliche Werte beschwor, die heute oft nicht mehr in der Schule gelehrt, geschweige denn gelebt werden. Ja, und demnächst wird er 73. Aber seit dem Liberalen Walter Scheel – und das liegt mehr als drei Jahrzehnte zurück – ist Rau der erste Präsident mit schulpflichtigen Kindern. Christina Rau ist ein Vorbild für junge Frauen, aber nicht für deren Großmütter. Raus Bezüge auf das Christentum beschreiben tatsächlich die auffallendsten Mangelerscheinungen der – neuen, alten? – Bundesrepublik. Was die Nachfolgerin oder der Nachfolger mitbringen sollte, ist eher ein bisschen mehr als ein bisschen weniger Rau.

Jünger dürfte sie, dürfte er schon sein. Ob der nächste Präsident oder die erste Präsidentin aus der, räumlichpolitisch betrachtet, alten oder der neuen Bundesrepublik kommt, kann Signalcharakter haben. Aber das muss nicht sein. Bisherige Versuche, Bürgerinnen oder Bürger aus den neuen Ländern nicht nur als Kandidaten für das höchste Staatsamt zu benennen, sind fast alle weniger an deren fehlender Qualifikation als an mangelnder Unterstützung und politischer Vernetzung gescheitert. Wir werden ja sehen, wen uns CDU und CSU als Kandidaten präsentieren. Denn auch wenn Guido Westerwelle so tut, als entscheide die FDP alleine über den nächsten Bundespräsidenten – erst einmal muss sich die Union zusammenraufen. Nur hat sie nicht so viel Zeit wie Rau.

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