Politik : Allianz gegen Karsai

In Kabul hat der Präsident zunehmend Mühe, sich in seinem Kabinett durchzusetzen

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Von Elke Windisch, Moskau

Die Chemie stimmte von Anfang an nicht. Der Paschtune Hamid Karsai wurde im Dezember auf der Bonner Afghanistan-Konferenz Chef einer Übergangsverwaltung, in der Tadschiken aus der einstigen Nordallianz die Schlüsselressorts besetzten. Konflikte waren da vorprogrammiert. In der Loya Dschirga, der Großen Ratsversammlung, die im Juni eine Übergangsregierung wählte, wurden die Gegensätze im Kabinett weiter verschärft – und jetzt eskalieren sie.

Vor der Loya Dschirga zeigten die Afghanen noch Verständnis für Karsai, der wegen seiner schwachen politischen Basis Konfrontationen mied. Angesichts der Instabilität wächst nun der Volkszorn. Karsai soll die Vormachtstellung der Tadschiken, die das Außenamt, den Geheimdienst, die Polizei, die Medien und nicht zuletzt das Verteidigungsministerium kontrollieren, brechen. Formal ist Karsai als Staatschef zwar auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte, doch diese bestehen fast ausschließlich aus Einheiten der Nordallianz – und deren Kommandeure fühlen sich allein Verteidigungsminister Mohammed Fahim verpflichtet. Versuche Karsais, die Tadschiken zu entmachten, endeten bislang bestenfalls mit einem Unentschieden. So forderte er vor zwei Wochen, 60 Prozent der Stellen im Verteidigungsministerium mit Nicht-Tadschiken zu besetzen. Fahim kam dem nur in Teilen nach und erklärte seine Leute für unverzichtbar.

Fahims Gefolgsmänner stellten auch die Leibwachen für Karsai und für das Kabinett. Anfang Juli sahen diese Männer tatenlos zu, wie Vizepräsident Hadschi Abdul Qadir ermordet wurde. Drahtzieher des Anschlags und der Morddrohungen, die Karsai selbst erhielt, vermuten Beobachter in den Reihen der Nordallianz. Karsai hat seine persönlichen Wachen inzwischen durch amerikanische Soldaten ersetzt.

Ein hoher Beamter, der bei einer Unterredung zwischen Fahim und Karsai dabei war, berichtet von Drohungen des Verteidigungsministers gegen Karsai. In der Nacht nach der Unterredung seien sechs Leuchtraketen auf den Amtssitz des Präsidenten abfeuert worden. Der Beamte rechnet schon bald mit massiven Unruhen in Afghanistan. Zumal die Warlords, die mit US-Geldern in der Endphase der Taliban Privatarmeen von bis zu 30 000 Mann aufstellten, noch immer eine politische Konstante darstellen.

Beobachter sehen Parallelen zu 1992. Eine Allianz aus sieben Gruppen, die damals Moskaus Marionette Nadschibullah ablöste, hielt keine sieben Monate. Pessimisten fürchten gar, Afghanistan könnte sich wieder entlang der alten ethnischen Grenzen aufspalten: Vor der Besetzung durch die Briten Mitte des 19. Jahrhunderts bestand im Süden das Königreich der Paschtunen, das auch Teile Pakistans umfasste, im Norden dagegen existierten mehrere Kleinstaaten der Tadschiken, zu denen auch Teile Usbekistans und Tadschikistans gehörten.

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