Politik : Alltag im Elend

In den Lagern auf den Kanarischen Inseln drängen sich Tausende. Viele Flüchtlinge werden abgeschoben

Ralph Schulze[Madrid]

Sie schlafen auf dem nackten Boden, auf Pappkartons oder Plastikplanen. Eine Matratze oder ein Bett zu ergattern, ist schon ziemlicher Luxus. Es riecht nach menschlichen Ausscheidungen; Toiletten und Duschen sind verstopft. Nachts suchen Ratten zwischen den afrikanischen Flüchtlingen, die wie Sardinen zusammengedrängt die Nacht verbringen, nach Essbarem: Alltag in den Auffanglagern auf den Kanarischen Inseln, in denen derzeit rund 10 000 illegale Einwanderer festgehalten werden.

„Explosiv“ sei die Lage in den Massenlagern, warnt ein Sprecher der kanarischen Regierung. Im größten dieser umzäunten Flüchtlingscamps, der ehemaligen Militärkaserne Las Raices auf Teneriffa, befinden sich derzeit mehr als 3400 afrikanische Wirtschaftsflüchtlinge. „Die Schwarzafrikaner werden unter unwürdigen Bedingungen zusammengepfercht“, kritisiert Rodrigo Gavilan, Sprecher der spanischen Polizeigewerkschaft CEP. Medienvertretern wird der Zutritt zu den Lagern verwehrt.

Allein auf dem Gelände des Polizeikommissariats in Arona im Süden Teneriffas und nicht weit von der Urlaubs- und Strandhochburg Los Cristianos entfernt, hausen derzeit an die 1500 Flüchtlinge. Die meisten afrikanischen „Boat People“ steuern mit ihren Fischerbooten den Teneriffahafen Los Cristianos an. Von dort werden alle zunächst einmal zum Kommissariat gebracht, wo sie nach Personalien, Herkunftsland, Fluchtrouten und -motiven befragt werden. Sie schlafen hier in Garagen, den Gewahrsamszellen und auf dem Parkplatz – bis sie in eines der Lager verlegt werden.

Doch die Lager auf Teneriffa, Gran Canaria und Fuerteventura platzen aus allen Nähten – weil täglich hunderte Flüchtlinge auf den zu Spanien gehörenden Ferieninseln ankommen. Hinzu kommt, dass mangels klarem Herkunftsnachweis nur rund zehn Prozent der Afrikaner wieder in ihr Heimatland abgeschoben werden können. Seit einigen Tagen startet täglich ein Passagierflugzeug von den Kanaren Richtung Senegal, mit weinenden Senegalesen an Bord, die gefesselt in ihre Heimat zurücktransportiert werden.

Doch auch dies kann den Flüchtlingskollaps auf den Inseln im Atlantik kaum mildern. Weil die Lager überfüllt sind, bringen auch täglich Chartermaschinen Flüchtlinge aufs spanische Festland, wo sie dann ihr Glück suchen können. Ihnen kommt eine bisher noch nicht geschlossene Lücke im spanischen Ausländergesetz zugute, wonach auch illegale Einwanderer nur 40 Tage festgehalten werden dürfen. Wer innerhalb dieser Frist nicht abgeschoben werden kann, ist ein freier Mann.

Seit Jahresbeginn kamen rund 26 000 Flüchtlinge auf den Kanarischen Inseln an – davon allein 6500 im September. Rund die Hälfte stammt Schätzungen zufolge aus dem Senegal, die anderen kommen aus anderen westafrikanischen Staaten. Spanische und italienische Küstenwachtschiffe, die seit einigen Wochen vor Westafrika kreuzen, haben bisher rund 40 Flüchtlingskähne mit mehr als 2300 Afrikanern abgefangen und nach Westafrika zurückgeschickt. Zudem schätzen Hilfsorganisationen, dass Tausende von Afrikanern auf dem Weg nach Europa ertrunken sind.

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