Politik : Alois Brunner: Auf der Spur des Massenmörders

Georg M. Haffner,Esther Schapira

Er war die rechte Hand Adolf Eichmanns und gilt als der größte noch lebende Kriegsverbrecher. Alois Brunner ist heute 88 Jahre alt und lebt in Syrien - wenn er noch lebt. Ein Indiz für seinen Tod aber gibt es nicht, und so wird ihm am 2. März im Pariser Palais de Justice der Prozess gemacht.

Der Angeklagte wird nicht vor Gericht erscheinen. Er hätte zu seiner Entlastung auch wenig vorzutragen. Brunner zu verurteilen gilt unter Juristen als Kinderspiel - nicht zuletzt weil der Angeklagte, wann immer er sich zu Wort meldete, alle ihm angelasteten Taten, nämlich die Ermordung von mehr als 120 000 Juden aus ganz Europa, vorbehaltlos zugegeben hat. Mehr noch: Brunner bedauert öffentlich, dass er nicht noch mehr Menschen in den Tod schicken konnte.

Dennoch hält sich die Justiz seit 50 Jahren erstaunlich bedeckt. Zwar haben Deutschland wie Österreich Auslieferungsanträge gestellt, sich aber stets mit der lapidaren Antwort aus Damaskus begnügt, dass der Mann dort nicht bekannt sei. Für eine Überprüfung dieser Auskunft fehlt dem Bundesnachrichtendienst (BND) bis heute das Mandat. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Brunner vermutlich selbst im Dienst des BND stand. Viele Indizien deuten daraufhin, dass er zunächst in Kairo auf der Gehaltsliste des amerikanischen, dann in Damaskus auf der des deutschen Geheimdienstes stand.

Als Brunner 1960 enttarnt wurde, wechselte er die Fronten und diente seither der syrischen Regierung. Bis in die späten 80er Jahre hatte er eine ladefähige Anschrift in Damaskus. Aber nichts geschah, um den bekennenden Kriegsverbrecher vor ein deutsches Gericht zu bringen. Attentate durch den israelischen Geheimdienst überlebte Brunner. Und auch beim ersten Besuch eines deutschen Bundeskanzlers Ende vorigen Jahres fiel der Name des Kriegsverbrechers nicht. Lediglich in Frankreich kam es zu zwei Verfahren, in denen Brunner in Abwesenheit zum Tode verurteilt wurde. Damals ging es um die Ermordung von 23 500 französischen Juden. Zu den Opfern gehörte auch Arno Klarsfeld, Vater des renommierten Juristen Serge Klarsfeld.

Diesmal geht es um die Ermordung von mindestens 232 Kindern, die er am 31. Juli 1944 nach Auschwitz hat deportieren lassen. Brunner hat seine Opfer dafür eigenhändig aus den Kinderheimen von Paris geholt. Bereits auf der Fahrt nach Auschwitz sind einige erstickt. Die anderen wurden sofort nach ihrer Ankunft vergast. Jahrelang haben Beate und Serge Klarsfeld für dieses Verfahren gearbeitet, recherchiert und politisch gekämpft.

Seit Jahren wartet auch Denise Holstein, jüngste Überlebende und Hauptbelastungszeugin, auf ihre Aussage. Nun aber wird sie nicht gehört werden, ohne den Angeklagten wird es nur ein Aktenprozess. Klarsfeld meint, dass die Öffentlichkeit jetzt immerhin "wieder auf den Fall Brunner aufmerksam" werde. Die Enttäuschung ist ihm aber anzumerken. Wenn dieser Prozess vorbei ist, wird wohl die letzte Chance verstrichen sein, Brunner zur Rechenschaft zu ziehen. Vielleicht auch deshalb, weil aus Deutschland, dem größten Handelspartner Syriens in Europa, keine Hilfe kam. Zwar setzten die Staatsanwaltschaften Köln und Frankfurt 500 000 Mark auf die Ergreifung Brunners aus, aber es gibt nicht einmal ein Fahndungsplakat. Und der zuständige Oberstaatsanwalt ist mit anderen Dingen beschäftigt - etwa der Frage, mit wem Joschka Fischer vor 28 Jahren gefrühstückt hat.

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