Politik : Alpen ohne Gletscher

UN-Experten warnen vor drastischer Erderwärmung – SPD-Politiker für Umsteuern in der Klimapolitik

Berlin - Das Szenario ist klar: Angesichts der Klimaerwärmung sind die Alpen bis zum Jahr 2070 gletscherfrei, die Grundwasserversorgung ist in der Region um Berlin bereits in 30 Jahren nicht mehr gewährleistet. In einem vertraulichen Entwurf für den nächsten UN-Klimabericht, der jetzt der Bundesregierung vorliegt, zeichnen die Experten einen weit drastischeren Wandel im Klima weltweit als im UN-Klimabericht aus dem Jahr 2001 vorhergesagt. Die Klimakatastrophe ist danach gar nicht mehr aufzuhalten, sondern höchstens verlangsambar. Angesichts dieser jüngsten Ergebnisse fordert der parlamentarische Staatssekretär im Umweltministerium, Michael Müller (SPD), ein radikales Umsteuern in der deutschen Klimapolitik.

„Die Effizienzrevolution ist das Gebot der Stunde“ sagte Müller dem Tagesspiegel. Der Umgang mit allen Materialien, mit Energie, mit Rohstoffen müsse grundlegend überprüft und revolutioniert werden. Statt der Modernisierung von Kraftwerken etwa müsse man den Energieverbrauch verringern. Statt beim derzeit verhandelten so genannten „Energiepass“ die Energieversorgung von Gebäuden nach deren (möglicherweise höheren) Energieverbrauch zu steuern, sollte man den wirklich nötigen Energiebedarf zugrunde legen. Müller kündigte zum Thema Energieeffienz einen nationalen Aktionsplan an. „Das sind die zentralen Zukunftsfragen“, sagte Müller, „hier hat Deutschland eine einzigartige Chance“ und forderte in Richtung der Umweltpolitik-Skeptiker: „Bitte nutzt sie.“

Auch der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende und Umweltpolitiker Ulrich Kelber fordert angesichts der im Bericht skizzierten „heftigeren Konsequenzen“ des Klimawandels konkrete Verbesserungen in der Klimapolitik in der Koalition. Mit Blick auf Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) sagt Kelber: „Unter diesen Vorzeichen ist das Gewürge um den Energiepass nicht zu verstehen.“ Der Minister müsse den Weg frei machen für eine energieeffiziente Gebäudeplanung. Ebenfalls mehr Klimabewusstsein fordert Kelber für das anstehende Biokraftstoffquotengesetz, bei der Novelle für die erneuerbaren Energien ebenso wie für das Energie-Wärme-Gesetz. Und in dieser Reihe stehe auch die Neufassung der Klimaschutzziele für Deutschland und für die EU.

Der Bericht des IPCC, dem Zwischenstaatlichen Ausschuss für Klimawandel der Vereinten Nationen, wird etwa alle fünf Jahre erstellt. Der nächste Bericht soll im Frühjahr kommenden Jahres abgeschlossen sein. Im Entwurf kommen die Wissenschaftler zu dem Schluss, dass die wahrscheinliche Erderwärmung in diesem Jahrhundert nicht wie bisher angenommen 2,5 Grad Celsius, sondern sogar drei Grad betragen wird – sollte sich die aktuelle Entwicklung fortsetzen. Weltweit würde das noch stärkere Ausprägungen der bereits vorhergesagten Katastrophenszenarien bedeuten.

Die drei Grad sind aber nur der wahrscheinliche Mittelwert. In Deutschland könnte das, regional unterschiedlich, eine Erwärmung um bis zu sechs Grad bedeuten. Tropische Sommer mit Temperaturen über 40 Grad wären die Folge.

Um solch gravierende Klimaänderungen in den kommenden hundert Jahren noch zu vermeiden, müsste der Ausstoß von Treibhausgasen auf einen Bruchteil des heutigen Ausstoßes bis zum Jahr 2100 reduziert werden. Mit dem Kyoto- Protokoll haben sich die Industrieländer verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen um im Durchschnitt 5,2 Prozent (bezogen auf die Emission im Jahre 1990) bis 2012 zu mindern. Allerdings lehnen die USA die Ratifizierung des Kyoto-Protokolls ab.

Sollte die weltweite Durchschnittstemperatur um mehr als zwei Grad steigen, halten die meisten Klimaforscher die Erderwärmung nicht mehr für kontrollierbar. Dem Ziel, die Erwärmung unter zwei Grad zu halten, hat sich die EU verpflichtet. 2007 übernimmt Deutschland den Vorsitz der EU-Ratspräsidentschaft und der G 8. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, die Energiepolitik zu einem Schwerpunkt der deutschen Präsidentschaft zu machen.

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