Politik : Alptraum oder Infantilität?

PARIS/LONDON/NEW YORK (rtr).Der von US-Sonderermittler Kenneth Starr vorgelegte und weltweit im Internet verbreitete Bericht zur Clinton-Affäre hat bei den Kommentatoren der internationalen Presse unterschiedliche Reaktionen ausgelöst.

In der französischen Zeitung "Le Monde" wurde die Veröffentlichung als "Alptraum für die USA und die ganze Welt" kritisiert.Die Entscheidung des amerikanischen Repräsentantenhauses, den Untersuchungsbericht ins Internet zu stellen, habe "die ganze Welt zu Spannern" gemacht.Offenbar sei in Washington ein neuer McCarthyismus im Gange.Der konservative "Figaro" indes hob auf die Wirkung des neuen Mediums Internet ab.Zehn Jahre nach der Zerschlagung des Kommunismus zerbreche die Staatsmacht der USA nun an der verheerenden Wirkung des Internets.

Die britischen Boulevard-Blätter reagierten mit Empörung und konzentrierten sich dabei auf die Person Clintons."Der lügende Lüstling muß gehen", schlagzeilte die rechte "Sun" und sprach dem Präsidenten damit zugleich die Berechtigung zur weiteren Amtsführung ab.Auch der Kommentator des liberalen "Guardian" kritisierte Clintons außereheliche Beziehung zu einer sehr viel jüngeren Mitarbeiterin im Weißen Haus als "dämlich und infantil", doch zur Einleitung des von der neuen amerikanischen Rechten gewünschten Amtsenthebung tauge die Affäre nicht.

Es sei kaum möglich, mit Präsident Clinton in dieser Situation kein Mitgefühl zu haben, argumentierte die renommierte "London Times".Offensichtlich sei da eine einvernehmliche sexuelle Beziehung zwischen zwei erwachsenen Menschen etwas außer Kontrolle geraten.Die entscheidende Frage sei aber nicht, wie Clinton als Person jetzt psychisch mit diesem für ihn peinlichen Erlebnis fertig werde, sondern ob es ihm gelinge, das in Stücke geschlagene politische Amt wieder zusammenzufügen.

Die "Financial Times" beklagte eine "wachsende Handlungsunfähigkeit" im Weißen Haus, und das ausgerechnet in einer Zeit, in der angesichts weltweiter Krisen und Börsen-Turbulenzen eine starke Führungsmacht dringender sei denn je.

"The New York Times" kommentierte: "Bis zu der Beurteilung durch Kenneth Starr konnte niemand - vielleicht nicht einmal ein Mitglied der Familie Clintons - die vollständige Verlogenheit des Präsidenten oder das Ausmaß seiner Rücksichtslosigkeit ermessen.Was auch immer das Ergebnis der Debatten über ein Amtsenthebungsverfahren oder einen Rücktritt sein wird, der unabhängige Ermittlungsbericht von Starr ist in einer Hinsicht niederschmetternd und seine geschichtliche Bedeutung wird überdauern.Clinton hat eine Krise von surrealen Ausmaßen verursacht.Ein Präsident ohne öffentlichen Respekt oder Unterstützung durch den Kongreß kann nicht bleiben."

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