Politik : Als Anwalt der Kleinen

Vor der UN-Generalversammlung gibt sich Irans Präsident als Sprecher der Schwachen – und bittet wie Bush um Gottes Beistand

Matthias B. Krause[New York]

Im Meer blau-schwarzer Maßanzüge sticht der sandfarbene von der Stange heraus wie ein Ausrufezeichen. Irans Präsident schreitet, umringt von einer fünfköpfigen Entourage, ans Pult seiner Delegation in der UN-Generalversammlung – Gang fünf, Reihe elf, zwei Gänge, sieben Reihen getrennt von den USA. Ein Hoffotograf schießt Bilder, ein Vertreter Kubas stürzt mit ausgestreckter Hand heran. Derweil lässt sich der Präsident El Salvadors am ausladenden Rednerpult aus grünem Marmor nicht davon beirren, dass ihm niemand mehr zuhört.

Die jährliche Generaldebatte am UN- Hauptsitz in New York ist ein langer Fluss von Worten, der erst nach neun Tagen versiegt. Als Mahmud Ahmadinedschad am ersten Tag um 18.41 Uhr Ortszeit im Saal auftaucht, ist höchstens ein Drittel der Plätze der 192 Mitgliedstaaten besetzt. Die wichtigste Arbeit wartet auf den Fluren, in den Sitzungssälen, wo in kleinen Gruppen handfeste Politik gemacht wird.

Die Generalversammlung, deren grünes Interieur den Geist der 50er Jahre atmet, dient der Show, dem staatsmännischen Statement zur Lage der Welt, dem Fernsehpublikum daheim. Am Dienstagmorgen hatte Generalsekretär Kofi Annan seine Abschiedsrede gehalten, nach zehn Jahren im Amt scheidet er zum 31. Dezember aus. Jetzt warnt er vor jenen, die darauf aus seien, einen weltweiten Kampf der Religionen zu provozieren. Auch den UN stellt er kein gutes Zeugnis aus. Dass sie im vergangenen Jahr in ihrer Gipfelerklärung kein Wort zur Abrüstung und Eindämmung von Atomwaffen sagten, sei „beschämend“. Dann wird er sentimental: „Gemeinsam haben wir ein paar große Brocken den Berg hinaufgeschoben, auch wenn uns einige wieder heruntergerollt sind. Aber dieser Berg mit seinen Winden und dem globalen Ausblick ist der beste Platz auf Erden.“

US-Präsident George W. Bush, der als Dritter auf das Podium tritt, nimmt den Namen des iranischen Präsidenten nicht in den Mund, er spricht an dessen Volk: „Wir respektieren euer Land. Wir bewundern eure reiche Geschichte, eure lebhafte Kultur und zahlreichen Beiträge zur Zivilisation.“ Die Anführer nutzten Irans Ressourcen aber, „um Terror zu finanzieren und Extremismus anzuheizen und nach Atomwaffen zu streben.“ Diese Ambitionen müsse das Land aufgeben. Kein Wort von Sanktionen, keine Androhung von Gewalt. Bush präsentiert sich als gütiger Anführer der freien Welt.

Während Bush spricht, hat Ahmadinedschad das Gebäude noch nicht betreten. Das Drama, auf das so viele Reporter und Kameraleute angesetzt sind, bleibt aus. Als Ahmadinedschad schließlich ans Podium tritt, stürzen die Delegierten der USA und Israels hinaus, andere hinein, um nichts zu verpassen. Weil andere überzogen haben, redet er live zur besten US- Sendezeit. Der kleine Mann hat gelernt seit seinem ersten UN-Auftritt vor einem Jahr. Zwar verzichtet er nicht auf religiöse Referenzen, aber er wirkt auch nicht mehr wie ein besessener Hassprediger. Vielmehr macht er sich zum Anwalt der Kleinen. Als solche fühlen sich die meisten der UN-Mitglieder. Den Namen Bush nimmt er nie in den Mund, die USA erwähnt er spät – und nur bei der Forderung nach einer Reform des Sicherheitsrates: „Wenn die Regierungen der USA oder Großbritanniens, die permanente Mitglieder sind, (…) Länder besetzen und internationales Recht verletzten, welches UN-Organ kann sie zur Rechenschaft ziehen?“ Eine Frage, die direkt auf das Vetorecht der fünf ständigen Mitglieder zielt, das vielen im Saal ein Dorn im Auge ist. Irans Atomprogramm sei „transparent, friedlich und unter dem kritischen Auge der UN-Inspekteure“, versichert Ahmadinedschad. Nach einer halben Stunde (zehn Minuten mehr als Bush) endet er mit der Bitte um Gottes Beistand – so wie der US-Präsident.

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