Politik : Als die DDR die Einheit wählte - Der Grundstein, der zum Eckstein wurde (Leitartikel)

Hermann Rudolph

Diesen Tag muss man nun schon fast ausgraben. Er liegt unter der Gegenwart des heutigen Deutschlands wie der Zeuge einer fernen Vergangenheit, verborgen und vergessen. Gewiss, ein paar Einzelheiten dieser Wahl zur Volkskammer der DDR am 18. März vor zehn Jahren haben sich in der Erinnerung erhalten: Lothar de Maizière zum Beispiel, der so wenig glücklich aussah wie kaum je ein Wahlsieger vor ihm - dem künftigen Ministerpräsidenten schwante, was auf ihn zukam; Stefan Heym, der die Wahl enttäuscht auf den Nenner brachte, dass die DDR nun nur noch eine Fussnote der Weltgeschichte sei; natürlich auch Otto Schily und seine skandalöse Banane, vor die Kamera gehalten als Beweisstück für die vermeintliche politische Blindheit der DDR-Bürger. Aber was eigentlich die Bedeutung dieser Wahl und des aus ihr hervorgehenden Sechs-Monate-Parlaments ausmachte - vergangen und verweht.

Aber ist das verwunderlich? Dass diese Wahl eine Art Gründungsakt war, mit dem die Menschen in der DDR als politisches Subjekt ihre Angelegenheiten in die Hand nahmen, ist verdrängt worden durch das, was sie damit auf den Weg gebracht haben - die deutsche Vereinigung. Die ungewöhnliche Leistung, die die Volkskammer vollbrachte, immer am Rand des Abgrunds von Unruhen und Zahlungsunfähigkeit entlang, immer auf Sicht fahrend, steht sozusagen im Schatten ihres Erfolgs. Das Verdienst dieses Parlaments war zugleich seine Crux: Es arbeitete an seiner Abschaffung. Was kann da übrig bleiben als Geschichtsstoff, die - eminente - Zahl der rasch zusammengezimmerten Gesetze, das Ausmaß der überstandenen Kraftproben? Weit haben wir es damit übrigens nicht gebracht. Nicht einmal ein Protokoll der Volkskammer-Beratungen gibt es bisher.

Aber ein Nachdenk-Posten ist geblieben: Es ist die Frage danach, was für einen Ort die Bürger der damaligen DDR, die Ost-Deutschen, vulgo: die "Ossis" in dem neuen Gesamtdeutschland einnehmen. Sie richtet sich darauf, wohin sie der unglaubliche Transfer, den sie vor zehn Jahren antraten, getragen hat. Dass sie in den vergangenen zehn Jahren nicht befriedigend beantwortet worden ist, ist der Grund für die Verstörung unter den Ostdeutschen, die man besser zu erklären versuchen sollte als sie in Abrede zu stellen. Denn sie quält nicht nur jene, die sich zu den Verlierern der Einheit zählen - und es manchmal auch sind -, sondern auch und gerade deren Gewinner.

Der Blick zurück auf die Volkskammerwahl bringt in Erinnerung, dass die DDR-Bürger etwas eingebracht haben in dieses neue Deutschland. Das waren weniger die berühmten Errungenschaften, die bei näherem Hinschauen so beeindruckend auch nicht waren, auch kaum - wie sich bald herausstellte - wirtschaftliche Werte, es waren sie selbst: sie, die diejenigen wählten, deren Repräsentanten die DDR in die Einheit hineinführten, ohne die sie nicht möglich gewesen wäre. Sie haben, aberwitzig, das zu bestreiten, wahrhaftig etwas dafür bekommen. Hier eine Rechnung aufzumachen, ist müßig. Es wäre auch unsinnig, einzelne Posten miteinander zu vergleichen - Erfolg gegen Geborgenheit, Freiheit gegen Sicherheit. Und doch bleibt da etwas unter dem Strich offen. Das Mindeste, was wir uns schuldig sind, ist die Klarheit darüber, dass es diese wunde Stelle der deutschen Einheit gibt.

Der 9. November, der die Nachkriegsordnung sprengte, hat sich im Bewusstsein der Deutschen als prägendes Datum befestigt. Nicht so dieser 18. März 1990. Dabei legte er einen Grundstein, der zu einem Eckstein wurde. Er gehört an seine Seite.

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