Politik : Als ein "notorischer Mannschaftsspieler" empfiehlt sich Reinhard Klimmt dem Bundeskanzler

Thomas Kröter

Zu den meist verbreiteten Vorwürfen an Politiker zählt die Unterstellung, ein leerer Sitz im Bundestag lasse auf Faulheit seines Inhabers schließen. Das Gegenteil ist der Fall. Gerhard Schröder zu Beispiel. Während grosser Teile der Debatte über sein "Zukunftsprogramm" blieb der Kanzlersessel in der Regierungsbank am Donnerstag verwaist. Zwar erwies der Chef Finanzminister Hans Eichel die Referenz, aber ansonsten fehlte ihm zum Zuhören die Zeit. Schröder hatte zu regieren.

Es ging um ein Problem, schwieriger als selbst das komplizierteste Lobbyisten-bewehrte Detail des Steuerrechts. Es ging um Personalpolitik. In einem wohlbewachten Sitzungszimmer des Reichstages hielt der Kanzler Hof. Wer zu ihm vorgelassen, dem erging es schon bald wie den Novizen in der Hölle aus Dantes "Göttlicher Kommödie": Alle Hoffnung hatte er fahren zu lassen.

Oder sie. Über eine halbe Stunde hockte die ehrgeizige stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ulla Schmidt um die Mittagszeit im Angesicht des Herrn nicht nur der Unterwelt. Anschließend wusste sie, was ihr Vorsitzender Peter Struck am Morgen aus dessen Mund bestätigt bekommen hatte: Reinhard Klimmt wird Nachfolger von Bau- und Verkehrsminister Franz Müntefering.

Struck habe zugestimmt, sagte Schröder später und fügte hinzu: "Was dachten Sie denn?" Nach dem hessischen Wahlverlierer Hans Eichel, der als Kassenwart der Nation zum Star avancierte, holt er auch den Amtslosen aus dem Saarland ins Kabinett. Keine Chance für Schmidt oder ihren Aachener Wahlkreis-Nachbarn Achim Grossmann, der bereits als parlamentarischer Staatssekretär im Doppelressort dient.

Das klassische Argument, ohne einen Minister aus dem nordrhein-westfälischen, dem größten SPD-Landesverband sei der Regionalproporz nicht gewährleistet - für Gerhard Schröder ein Relikt aus fernen Zeiten. Da half auch das Klagen nicht, sechs Minister ohne Mandat, ein Nachkriegsrekord - das sei doch ein zu harter Schlag ins Kontor der SPD-Bundestagsfraktion.

Für den Kanzler wiegt anderes schwerer: Er hatte der Partei zu zeigen, dass er keinen hängen lässt, der wegen seiner Politik Probleme bekommt. Und er hatte zu zeigen, dass auch die Linke unter der Doppel-Nummer Eins in Partei und Kabinett noch eine Chance hat - wenn sie denn bereit zu jenem Mannschaftsspiel ist, das der politik-flüchtige Oskar Lafontaine so vermisst hatte. Als geradezu notorischer Mannschaftsspieler sei er bekannt, sollte Klimmt später bei seiner Vorstellung im Kanzleramt sagen.

Schröder konnte auch deshalb so mit seiner Fraktion und ihren Repräsentanten umspringen, weil sie wissen, dass es keine Alternative zur neuen Kardinaltugend Disziplin gibt; und zweitens hatte er sich der Zustimmung seines künftigen Generalsekretärs, des Chefs der Düsseldorfer SPD und des dortigen Ministerpräsidenten Wolfgang Clement vergewissert. Nach ihrem Ja erst hatte er am Montag Klimmt angerufen. Der Lafontaine-Freund war nicht wenig überrascht, bat sich Bedenk- und Beratungszeit. Ob er Freund Oskar konsultierte, mochte der Minister in spe nicht verraten, gleichwohl darf es unterstellt werden.

Zu den Befragten muss der geschasste Bundesgeschäftsführer Otmar Schreiner, ebenfalls ein Landsmann, gehört haben; von ihm stammte am Dienstag die erste dunkle Andeutung auf die neue Entwicklung. Pech für den Schwaben Siegmar Mosdorf, der bislang als Favorit gegolten hatte. Wer ihm am Mittwoch Abend bei Eberhard Diepgens "Hoffest" zum künftigen Amt gratulieren wollte, erlebte den eloquenten Modernisierer seltsam einsilbig. Aber er blieb diszipliniert.

Wenn Schröders Coup nicht so lange geheim blieb wie geplant, lag dies an einem von Amts wegen zu besonderer Disziplin verpflichteten: Soldatenminister Rudolf Scharping. Als Mitglied der neuen SPD-Quadriga (mit Schröder, Müntefering, Eichel) eingeweiht, ließ er sich am Mittwoch beim Besuch einer Bundeswehreinrichtung in Koblenz einen zunächst kryptischen Satz entlocken: Vielleicht, meinte er, werde die Parteilinke schon bald befriedet sein.

Kombiniert mit Schreiners Andeutung ergab das einen Sinn - und eine Agentur-Meldung. Der Verteidigungsminister gab damit zum zweiten Mal - bewusst oder nicht - einen Tip, der zur Entschleierung von Schröders Personalplänen führte: Bevor Franz Müntefering zum Generalsekretär avancierte, hatte Scharping auf Fragen nahegelegt, dass der Parteimanager nicht unbedingt Minister bleiben müsse. Ein Recherche-Ansatz war geboren, und der SPD-Vize musste sich im Präsidium rechtfertigen. Schröder, so darf unterstellt sein, wird es sich merken. Seine Konsequenz dürften solche Spiele ebenso bestärken, wie das unentschiedene Murren der Fraktion. War noch was? Richtig, der Koalitionspartner. Der erfuhr es auch am Morgen. Zum Trost ging Jung-Kanzleramtsstaatssekretär Hans Martin Bury mit den Grünen Kerstin Müller und Rezzo Schlauch Mittagessen.

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