Politik : Als hätte es den Krieg nie gegeben (Kommentar)

Hellmuth Karasek

Dass Kriege neue Kriege gebären, ist keine Erfahrung, die das 20. Jahrhundert für sich gepachtet hätte. Aber keine andere Zeit hat sie auf derart grausige Weise gemacht wie Europa in der ersten Jahrhunderthälfte. So hat man im Ersten Weltkrieg mit Grund die "Urkatastrophe des Jahrhunderts" gesehen, das schreckliche Übel, aus dem die noch furchtbareren des Zweiten Weltkrieges hervorgekrochen sind.

Die Arroganz der Sieger, die ohnmächtig geballte Wut der revanche-lüsternen Besiegten, die Nicht-Lösung aller Konflikte, das wirtschaftliche Elend, das ihm, mittelbar und unmittelbar, folgte - das alles hat wie ein verhängnisvoller Sog den Weltenbrand 1939 bis 1945 bewirkt. Und als Hitler am 1. September vor 60 Jahren in der Kroll-Oper den ihm frenetisch zuklatschenden Reichstags-Marionetten die Propaganda-Lüge des "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen" mit überkippender Stimmer zuschrie, hat er sicher unbewußt, Versailles-Revanchist und Dolchstoß-Legenden-Prediger, der er war, auch gemeint, dass er den Totentanz des Ersten Weltkrieges wieder aufnehmen wolle. Der hatte über 8,5 Millionen Soldaten das Leben gekostet und über 21 Millionen verwundet und zu Kriegskrüppeln (ja, Kriegskrüppel: man soll da keine euphemistischen Besänftigungen suchen) gemacht. Ihm folgte der Zweite Weltkrieg mit seinen zwischen 55 und 62 Millionen Toten und mit 20 Millionen, die aus ihrer Heimat flüchten mußten, mit scheinbar teuflischer Logik.

Und doch gibt es kaum einen Krieg wie diesen schrecklichsten aller Kriege, in dem die Kriegsschuld so eindeutig dingfest zu machen ist: Hitler hat ihn, rund zwanzig Jahre nach dem Frieden, vom Zaun gebrochen, geplant, vorbereitet, als Endziel seiner Politik vor Augen gehabt, die deutsche Generalität hat sich ihm dabei als williges Werkzeug zur Verfügung gestellt, das Volk hat ihn, nach anfänglichem Erschrecken, (1939 herrschte keineswegs die Kriegsbegeisterung von 1914) mitgetragen und mit ausgetragen.

60 Jahre danach sieht die Welt aus, als hätte es den Krieg nie gegeben. Selbst in Berlin sind die Feuernarben weitgehend verschwunden. Mahnmale sollen an das Grauen der Mord-Maschinerie erinnern. In der Wut Unbelehrbarer gegen die Wehrmachtsausstellung, in den Nolte-Thesen von Hitler als Stalins Schüler, bäumt sich gekränkte Nationaleitelkeit noch einmal auf - Revanchismus wie nach dem Ersten Weltkrieg gibt es nicht. Im Gegenteil: Es gibt die deutsch-französische Versöhnung, die europäische Solidarität, die spürbaren Sympathie-Ströme zwischen deutscher und russischer Politik, die überdauerten, was sich beide Völker an Unfassbarem zugefügt haben.

Dass dieser schier paradiesische Zustand herrscht, mit dem Europa (mit der bitteren Ausnahme des Balkans) an der Schwelle des neuen Jahrtausends steht, ist aber, so muss man nüchtern konstatieren, nicht allein der Einsicht, dass es Kriege nach diesem nicht mehr geben dürfe, entwachsen. Die "Nie wieder Krieg!"-Rufe verstummten nach 1945 schnell, man trat mit einem Schritt (und hier darf man Stalin ruhig als Hauptschuldigen ausmachen) vom Weltkrieg in den Kalten Krieg. Dass dieser sich nicht zu einem neuen Weltenbrand entzündete, verdanken wir zu großen Teilen dem atomaren Gleichgewicht.

Der Zweite Weltkrieg hat die Landkarte der Welt, die Landkarten Europas gründlich verändert. Als der 1. September 1939 sich zum fünfzigsten Male jährte, standen die meisten dieser radikalen Änderungen in Europa wieder zur Disposition. Die europäische Landkarte ähnelt der von 1919. Und wo sie es nicht tut, ist das kein Grund zu Krisen und Konflikten. In einer globalisierten Welt haben politisch kolorierte Landkarten als Konfliktstoff ausgedient. Wenn Kriege Geschichte sind, fragt man sich verzweifelt, warum sie geführt wurden.

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