Politik : Als hätte es der eigene Vater getan

Therapeuten warnen: Wer von einem Priester missbraucht wird, leidet unter der Tat genau so, als sei sie in der Familie geschehen

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Von Ruth Ciesinger

Ein Priester schafft Vertrauen. Er ist Vorbild, sein Wort hat moralisches Gewicht. Zur Zeit laufen in Deutschland etwa ein Dutzend Verfahren gegen Priester, weil sie Kinder sexuell misshandelt haben sollen. Sie haben sie nackt fotografiert, vergewaltigt, manchmal jahrelang. Für das Kind kann das so traumatisierend sein, als ob es der eigene Vater tut. Denn je größer das Vertrauen in den Misshandler, um so schlimmer sind die Folgen, sagt die Psychotherapeutin Helga Peteler. Auch wenn das Kind schrecklich leidet, es wird den Fehler bei sich selbst suchen. Der Geistliche, den es schätzt, wird nicht derjenige sein, der etwas Schlimmes tut – denkt das Kind. Und der Priester fördert das. Einem Jungen hat der Täter erzählt, er hätte eben etwas an sich, das Männer anziehe.

Nachdem in den USA Hunderte Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche bekannt wurden und jetzt dreistellige Millionenbeträge an Wiedergutmachung gezahlt werden sollen, konnten die deutschen Bistümer das Problem nicht mehr verdrängen. Nach eher abwiegelnder Haltung will jetzt der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, die Vorwürfe „voll unterstützen gegenüber dem Versuch, das irgendwie herunterzuspielen“. Die Oberhirten wollen auf ihrer Herbsttagung entscheiden, ob sie nationale Richtlinien im Umgang mit dem Missbrauch vorschreiben.

Experten halten das für notwendig. Der Theologe Wunnibald Müller therapiert Priester. Er sagt, würde man die Erfahrungen aus Amerika auf Deutschland übertragen, läge die Zahl der pädophilen Geistlichen bei etwa 300. Der Südwestrundfunk wollte für die Dokumentation „Tatort Kirche“ von den Bistümern wissen, wie viele Missbrauchsfälle durch Priester und Kirchenmitarbeiter ihnen bekannt seien. 47 Fälle in 30 Jahren wurden eingestanden. Von den 27 Bistümern blieben sechs nach eigenen Angaben von Missbrauch verschont, darunter Berlin und Passau.

Die Therapeutin Helga Peteler beschäftigt sich seit gut zehn Jahren mit den Folgen von sexuellem Missbrauch. Peteler hält es für fruchtbar, dass das Opfer am Ende seiner Therapie dem Täter in einer Sitzung nochmal begegnet und dieser seine Schuld eingestehen kann. Denn wenn die Kinder den Priester anzeigen, kommen oft neue Schuldgefühle dazu – jetzt verliert dieser Mensch seinen Beruf, kommt ins Gefängnis. Die Misshandler, sagt Peteler, hätten ein sehr feines Gespür dafür, diese Situation auszunutzen. Sie berichtet von einem Kind, dem der Priester mit seinem guten Draht zum lieben Gott drohte; würde es etwas verraten, stürbe jemand. Nachdem das Kind von der Misshandlung erzählt hatte, bekam es solche Panikattacken, dass die ratlosen Eltern fast täglich den Notarzt riefen. Auch wegen solcher Drohungen können viele Opfer erst Jahrzehnte später über die Tat sprechen. Beziehungsunfähigkeit kann die Folge sein, Depressionen. Zudem hat man während des Missbrauchs „gelernt“, dass Nähe zu einem Menschen und Sex zusammengehören. Freundschaft funktioniert oft nur noch sexualisiert.

Inzwischen versuchen Kirchenmitglieder, den Opfern eine Anlaufstelle zu geben. Die Bewegung „Wir sind die Kirche“ hat das „Zypresse-Not-Telefon“ für Missbrauchsopfer eingerichtet. Bisher haben fast nur „Altfälle“ angerufen, sagt Annegret Laakmann. Eine Frau hatte die Vergewaltigungen durch einen Priester 30 Jahre lang verdrängt, dann kam die Erinnerung zurück. Eine andere erzählte, die Eltern hätten ihr geraten, nicht mehr in die Kirche zu gehen. Die Familie hätte in der Gemeinde einen schlechten Stand. Man wolle kein Nestbeschmutzer sein – und wer würde glauben, dass der Priester zu so einer Tat fähig sei.

Jahrelang hat die Kirche diese Haltung unterstützt. Von einem misshandelnden Priester ist bekannt, dass er drei Mal versetzt wurde, bis misstrauisch gewordene Eltern ihn anzeigten. Therapeuten wie Berater drängen deshalb darauf, dass die Kirche ihre Geheimhaltung durchbricht. Eltern und Erzieher müssen andererseits sensibel für die Signale der Kinder sein. Denn oft erkennen sie deren Not nicht, weil sie selbst von dem Misshandler massiv manipuliert wurden.

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