Politik : Als Held zum Tribunal

Serbiens Radikalenführer Seselj lässt sich vor Gang nach Den Haag feiern

Gemma Pörzgen[Belgrad],Klaus Bachmann[De]

Von Gemma Pörzgen, Belgrad

und Klaus Bachmann, Den Haag

Vor seiner Abreise nach Den Haag hatte sich der serbische Radikalenführer Vojislav Seselj noch mal richtig feiern lassen. „Ich gehe auf eine lange Dienstreise, um die Interessen von mindestens zehntausend serbischen Helden und Freiheitskämpfern zu vertreten“, rief er seinen jubelnden Anhängern zu, die sich am Sonntagabend in Belgrads Innenstadt versammelt hatten.

Das Internationale Jugoslawien-Tribunal in Den Haag hatte am 25. Januar eine Anklageschrift gegen Seselj erlassen. Der hatte im Voraus von der Anklage erfahren und daraufhin angekündigt, er werde freiwillig nach den Haag gehen. Direkt nach seiner Ankunft am Montagvormittag wurde Seselj festgenommen und in das Gefängnis von Scheveningen eingeliefert. Wann er dem Richter vorgeführt wird, war zunächst nicht bekannt. Seselj gehört zu den schillerndsten Figuren der serbischen Politik. Mit großem demagogischen Talent appelliert er an die antiwestlichen und nationalistischen Gefühle seiner Anhänger – den Teil der Bevölkerung, der zu den Verlierern der Reformpolitik in Belgrad gehört. Seine Ankündigung, die „internationale Verschwörung“ gegen das serbische Volk zu entlarven sowie „die USA, das Tribunal und die Nato“ anzuklagen, findet unter den Nationalisten breite Zustimmung.

Seselj, ein ehemaliger Kommunist und Dozent für politische Wissenschaften an der Universität von Sarajevo, gehört seit den 80er Jahren zu den Ultranationalisten. Er gründete die Serbische Radikale Partei und eigene Freischärlergruppen, die als irreguläre Einheiten an Kämpfen in Kroatien und Bosnien-Herzegowina teilnahmen. Die Anklageschrift wirft ihm vor, zwischen 1992 und 1995 im Rahmen eines „gemeinschaftlichen kriminellen Unternehmens“ die Vertreibung nichtserbischer Minderheiten aus serbisch besiedelten Gebieten Kroatiens, Bosnien-Herzegowinas und der Voivodina betrieben zu haben. Er habe zu Hass und Gewalt gegen Minderheiten aufgerufen, und seine Freischärler hätten mit seiner Unterstützung Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen. Bei einer Verurteilung droht Seselj eine lebenslange Freiheitsstrafe. Er selbst hat wiederholt seine Unschuld beteuert und will sich – wie Slobodan Milosevic – vor Gericht selbst verteidigen.

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