Politik : Alt wählt jung

Der Union läuft die Generation 60 plus davon – die macht ihr Kreuzchen jetzt auch gern mal bei den Grünen

Robert Birnbaum

Ist die CDU nicht altmodisch genug? Die Frage klingt ein bisschen absurd. Ist nicht die Union mit einem 60-jährigen Kanzlerkandidaten von durchaus traditionellem Habitus angetreten? Streiten nicht die Christdemokraten, angestoßen von ihrer Partei- und Fraktionschefin Angela Merkel, seit Wochen über das Gegenteil? Städter, Jüngere, Frauen sind die Zielgruppen, moderne Menschen also, bei denen Merkel Nachholbedarf sieht. Eine Wahlanalyse, die die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) jetzt vorgelegt hat, lenkt das Augenmerk jedoch auf eine ganz andere Wählergruppe: Auf die der über 60-Jährigen. Seit Jahrzehnten waren die Alten, vor allem die alten Frauen, für die Union eine sichere Klientel. Mehr als die Hälfte aus dieser Altersgruppe gab CDU und CSU ihre Stimme. Doch der Anteil ist gesunken – auf mittlerweile nur noch 45 Prozent.

Das klingt weniger dramatisch als es ist. Die Generation 60 plus stellt 31 Prozent der Wahlberechtigten, Tendenz steigend. Jedes Prozent weniger in dieser Altersgruppe entspricht sofort ein paar hunderttausend Stimmen. Jutta Graf und Viola Neu von der Adenauer-Stiftung haben die Zahlen konkret ausgerechnet. „Die Union, die immer die Partei der älteren Generation war, kann die Verluste durch Sterblichkeit weder innerhalb dieser Gruppe noch durch entsprechend große Gewinne aus dem Erstwählerlager kompensieren. Sie hat durch den Generationenwechsel bei dieser Wahl 540 000 Stimmen verloren“, heißt es in der KAS-Publikation „Politik-Kompass“ vom Oktober.

Hat Merkel also die Falschen im Blick? Ja – und nein. Tatsächlich ist die Lage komplizierter. Zum einen liegen die deutlichsten Defizite der CDU wirklich bei den Jüngeren, zumal den jüngeren Frauen, und noch einmal verstärkt in den Städten. Bei Jungwählerinnen und der Gruppe junger Frauen bis 34 Jahre erreichte die Partei gerade 32 Prozent gegenüber 40 und mehr Prozent, die sich für die SPD entschieden.

Zum anderen verlieren CDU und CSU schon seit der Bundestagswahl 1994 bei den Älteren. 1994 kamen ihnen 680 000 Alt-Wähler abhanden, 1998 waren es sogar 720 000. Das Jahr der Kohl-Abwahl markierte auch den Punkt, an dem die Union den magischen 50-Prozent-Anteil bei den über 60-Jährigen jäh unterschritt. Er sank auf 45 Prozent, wo er heute noch steht, nur dass inzwischen diese Wählergruppe noch größer geworden ist.

Über die Gründe für diese Entwicklung haben die Göttinger Parteienforscher Franz Walter und Frank Bötsch schon 1998 nachgedacht, als sie „das Ende des christdemokratischen Zeitalters“ vorhersagten. Ihr Befund in Kürze: Die Alten sind auch nicht mehr die Alten. Nicht mehr so kirchentreu zum Beispiel, nicht mehr so strukturkonservativ, nicht mehr so „selbstverständlich christdemokratisch wie die Adenauer-Generation“.

Die KAS-Studie kommt im Grunde zu dem gleichen Schluss, ohne ihn ausführlich darzulegen: Er steckt in dem Wort vom „Generationenwechsel“, der der Union zu schaffen mache. Im Klartext heißt das: Die ganz Alten, die aus Tradition CDU gewählt haben, sterben – die Nachrücker, die sich dem Rentenalter nähern, kommen aus anderen Generationen. Da sind schon erste 68er dabei, Frauenbewegte und Öko-Pioniere. Folgerichtig sind die Grünen die einzige Partei, die in der Gruppe der über 60-jährigen Wähler hinzugewann. Deren Alten-Wähleranteil stieg schließlich von zwei auf fünf Prozent.

Ist die CDU nicht altmodisch genug? Wer die KAS-Studie liest, wird eher zum Gegenteil kommen. Sie ist vermutlich immer noch zu altmodisch. Für die Jungen – aber erst recht, so scheint es, für die neuen Alten.

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